Ein Zeichen von oben

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Eine Nacht im Jahr 1964. Ruth geht wie immer frühzeitig zu Bett. Es ist Sommer und der Abend angenehm lau. „Gute Nacht, Johann“, flüstert sie ihrem Mann zu, beugt sich zu ihm hinüber und gibt ihm ein Küsschen. Es dauert keine 10 Minuten und sie ist eingeschlafen. Mitten in der Nacht wird sie unsanft aus ihren Träumen gerissen. Whammm! Ein heftiger Schlag auf die linke Brust trifft sie. Ganz unvermittelt. Sie schreckt hoch und muss sich erst mal sortieren. Johann wird wach und merkt sofort, dass irgendetwas passiert sein muss.

„Ruth, was ist denn los?“, fragt Johann besorgt. „Warst du das?“, beantwortet Ruth seine Frage mit einer Gegenfrage. Er weiß nicht so recht, was sie meint. Ruth atmet einmal tief durch und erzählt mit zitternder Stimme, was sie gerade spürte.

„Johann, meine Brust. Ich schwöre, da war ein harter, fester Schlag.“ Beide rätseln, was hier wohl gerade vor sich geht. Wie kann es sein, dass Ruth einen Schlag spürt, wo doch gar niemand geschlagen hatte? Ein schlechter Traum? Inzwischen ist Ruth hellwach. „Johann, ich sollte gleich morgen zum Arzt gehen“, erklärt sie mit fester Stimme.

Johann ist verwirrt und kann mit dieser Aussage so erst mal nichts anfangen. „Aber warum denn?“

„Das war eine Botschaft von Mutti – direkt aus dem Himmel“, ist Ruth inzwischen überzeugt.

Der nächste Tag. Johann begleitet Ruth zum Arzt. Es regnet aus Kübeln, als ob der Himmel damit das drohende Unheil auf seine Weise kommentieren will. Ruth sitzt ihrem Arzt in kerzengerader Haltung gegenüber. Sie weiß, was passieren wird. Auch wenn die Röntgenaufnahmen zur Auswertung zunächst nach Tübingen geschickt werden müssen.

10 Tage Warten. Ruth verbringt sie wie immer hart arbeitend auf dem Gemüsefeld in ihrem Garten. Dann der Anruf: „Frau Ruth, kommen sie bitte noch heute in die Praxis.“ Wieder sitzt sie auf dem ihr schon bekannten schwarzen Lederstuhl. Seine Armlehnen haben vom täglichen Gebrauch deutliche Spuren. Normalerweise sieht man den Arzt immer mit einem Lächeln im Gesicht. Heute ist seine Mine versteinert. „Wir müssen sie operieren, und das schnell. Ein Tumor in der linken Brust, bösartig.“ Ruth ist zu diesem Zeitpunkt gerade mal 40 Jahre alt. Sie nimmt die Nachricht erstaunlich gefasst zur Kenntnis. Im Prinzip wusste sie es ja schon.

Es ist so weit: Ruth liegt auf dem OP-Tisch und verabschiedet sich gedanklich von ihrer linken Brust. Und dann wirkt auch schon das Narkosemittel und schickt Ruth ins Land der Vergessenheit.

„Hallo zurück Frau Ruth“, hört sie eine Stimme sagen. Es ist ihr Chirurg. Er steht links neben ihrem Bett, als sie aus der Narkose erwacht. „Sie hatten unglaubliches Glück, der Tumor wurde rechtzeitig entdeckt und hat noch nicht gestreut.“, erklärt er ihr. Okay, denkt sie sich und schlummert mit einem erleichterten Seufzen wieder ein.

Zeitsprung ins Jahr 2019: Heute ist Ruth stolze 95 Jahre alt. Eine liebenswerte, alte Dame – sie lacht und flachst gern. Als sie mir ihre Geschichte erzählt, steht für mich die Zeit kurz still. Ich kriege am ganzen Körper Gänsehaut.

*Name geändert, um die Privatsphäre von Ruth zu schützen

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