Angst abschütteln, Ätschebätsch sagen – hallo Zahnarzt!

Angst abschütteln, Ätschebätsch sagen – hallo Zahnarzt!

Sechs Uhr früh, Anfang Juni. Heiß war das die Tage, puh. Nichts für mich und meinen Kreislauf. Wäre eine prima Ausrede für später – Zahnarzttermin steht an. Bis ich feststelle: Sapperlot, Ich hab ja gar keine Angst.

Kreislaufproblem und Zahnarzttermin – eigentlich gefundenes Fressen für den Miesmacher in mir (innerer Kritiker). Der läuft besonders bei solchen Themen zur Hochform auf, auf die ich ein bissel empfindlich reagiere. Früher thronte er mit seinem hochnäsigen Lächeln nonstop auf dem Siegerpodest. Weil er mit seinem Wirken immer durchkam (immer!). Kein Wunder, da wusste ich ja auch noch nicht, dass es diesen Blödmann gibt.

„Hey, gerade mal 6 Uhr. Noch acht Stunden also, in denen mein Kreislauf auf Tour kommen kann“, mein Argument gegen seine Miesmacher-Versuche. Auf diesen logischen Gegenschlag hat er keine Antwort. Hätte ich mir denken können. Logik ist nicht seine Stärke.

Zehn Uhr, ich beachte meinen Kreislauf so wenig wie möglich

Eine supi Methode, sich nicht in ein Symptom reinzusteigern. Und das machen Angsthasen ja besonders gern und häufig. Als mehrfache Weltmeisterin im Reinsteigern war ich Profi darin und übe mich gerade in neuen Gewohnheiten wie diesen.

Zwölf Uhr, Mittagessen. Lecker. Ich habe immer noch keine Angst

Gefällt dem Kritiker gar nicht. Bestimmt sitzt er jetzt neben dem Thron und analysiert verzweifelt, was da (für ihn!) falsch läuft. Hat doch sonst immer funktioniert. Jetzt hat die Uli nicht mal mehr Angst vorm Zahnarzt. Mist!

Mit diesen neuen Gewohnheiten muss ich selbst erst mal klarkommen. Bin ich ja 35 Jahre so gewohnt: Zahnarzt = Angst. Bei einem meiner vorigen Termine das gleiche Spiel. Aus langjähriger Gewohnheit mal fix das Programm abspulen, und das heißt Angst. Bis ich irgendwann merkte: Hä, da stimmt doch was nicht. Blödmann schreit „Arrrrgh“, jetzt hat sie sogar das geschnallt! Tja, Masche durchschaut. Er probiert es aber auch mit allen Tricks.

Ich dachte an Angst. Ich hatte sie aber nicht (emotional gefühlt).

Traraaaaa! Ein sehr großer Unterschied, ob nun aus reiner Konditionierung erst mal vollautomatisch die üblichen Gedanken abgespult werden „Zahnarzt, scheiße, Angst, grauenvoll, schaffst du nicht, bist ausgeliefert, blabla“. Oder ob ich Angst real fühle. Ich kenne mich mit beidem bestens aus. Das musst du erst mal kapieren, weil beides so eng miteinander verknüpft ist, dass du irgendwann nicht mehr weißt: Wo hören die Gedanken auf und fängt die Emotion an.

Triumph über Herrn Blödmann

Diese Erkenntnis und das Erleben machen stark. Ich esse also zu Mittag und denke ein bisschen ängstlich. Habe aber auch hier Tricks auf Lager, diese Konditionierung zu unterbrechen. Fühle mich prima dabei, bin lediglich angespannt und nervös. Aber hey, das normalste der Welt für Millionen für Menschen vor einem Zahnarzttermin. Daher kein Drama und hat nix mit Angst zu tun. Musste ich auch erst begreifen.

Viertel vor zwei, ich düse los. Früher mit Hammersymptomen vor lauter Angst, vor allem Übelkeit. Heute nix. Ich komme an und bin sofort dran – danke, liebes Praxisteam. Ich krieg grundsätzlich einen Termin gleich zu Anfang. Eine echte Angstüberwindungsbrücke für mich.

Womit ich schon beim wichtigsten, beim wirklich allerwichtigsten Detail angekommen bin, mit dem ich meine Zahnarztangst ganz gut in den Griff bekommen habe: das Praxisteam. Klingt simpel, ist es auch. Du brauchst Leute um dich, die dich ernst nehmen und einfühlsam „mitspielen“. Bei was? Dass ich neue praktische (positive) Erfahrungen sammeln darf. Nicht einmal, nein regelmäßig immer wieder. Ohne ein wirklich gutes Praxisteam geht das nicht.

Noch mal schnell Pipimachen. Dann sitze ich auf dem bekannten Stuhl.

Juckt hier niemand. Ich kann so oft aufs Klo, wie ich nur will – auch mitten in der Behandlung. Herr Zahnarzt kommt, superlieb und empathisch. Er weiß, dass man mich ohne örtliche Betäubung nicht behandeln sollte. Mit aber ist so eine Sache. Vor vielen Jahren hörte ich nach einer Spritze die Vöglein zwitschern. Tschüss Kreislauf. „Hurra und danke schön ­– ist für Lebzeiten abgespeichert“, schreit mein Unterbewusstsein mit Blödmann um die Wette. Machte jede weitere Spritze zum Panik-Horrorerlebnis.

Viele Spitzen plus ein einfühlsames Praxisteam später. Mir wird dabei nach wie vor gern schwummrig – objektiv gesehen, ist das aber nicht schlimm. Ein wichtiger Lernprozess, den ich nur durch praktisches Erfahren neu lernen konnte. Die Helferin bleibt nach der Spritze bei mir, kümmert sich, fragt nach, ist bemüht. Neue Abspeicherung im System: „Aha, Spritze ist zwar immer noch doof, aber ich halt das prima aus. Keine Gefahr!“ Ich inzwischen stolz wie Oskar, Selbstwert steigt. Blödmann grün im Gesicht vor Wut. Aber erst mal aufs Klo jetzt – zum zweiten Mal in zehn Minuten.

Hallo Bohrerchen

Dieser Bohrer machte mir komischerweise noch nie Angst. Herr Zahnarzt bohrt sich entsprechend durch meinen Zahn und ist mit seinem Werk sehr zufrieden. Zeit für ein bisschen Muskelkraft. Ich kriege dieses komische Teil für die Füllung in den Mund geschraubt. Dabei muss er alle seine Kraft aufbringen, bis das Ding perfekt sitzt. So ein Zahnarzttermin mit mir ist anstrengend – auch für ihn.

Abschließend noch sechs Kilo Watte in den Mund, dann könnte es eigentlich losgehen mit der Füllung. Nicht bei mir: „Sorry, ich müsste noch mal!“ … zum dritten Mal in zwanzig Minuten. Ein Bild für Götter, das ich abgebe. Mit Zahnarztserviette um den Hals, Metalldingens aus der linken Mundhälfte herausragend. Ich sehe aus, wie einem Gruselfilm entsprungen. Zahnarzt und Helferin bleiben gelassen. Warten geduldig, bis ich wiederkomme. Und versichern mir zum tausendsten Mal: „Alles gut, Sie können jederzeit auf die Toilette!“ Freut mich besonders, denn meine Nierenfunktion läuft beim Zahnarzt zu Hochtouren auf.

Wir vollenden unser Werk, zwar mit Pipialarm und Anspannung, aber angstfrei, yeah!

Damit bin ich längst kein cooler Zahnarztbesucher und ob ich das je werde, sei dahingestellt. Muss aber auch nicht sein. Es reicht mir völlig, die Termine panikfrei hinzukriegen. Denn ob Blödmann nun will oder nicht: Sie müssen ja sein, diese Zahnarztbesuche. Besser also, wenn ich nun durch praktisches Neu-Erleben sicher sein kann: Ich schaff das – auch wenn ein Besuch bei Herrn Zahnarzt grundsätzlich kein Halleluja-Erlebnis ist.

Angst abschütteln, Ätschebätsch sagen – hallo Zahnarzt!

2 Kommentare zu „Angst abschütteln, Ätschebätsch sagen – hallo Zahnarzt!“

  1. Ich kenne keinen Menschen, der glücklich über einen Gang zum Zahnarzt ist. Mit deiner köstlichen Lektüre im Hinterkopf wird es jetzt für mich allerdings leichter.

    1. Das freut mich, liebe Silke. Ich wiederum kenne tatsächlich einen Menschen, der Zahnarztbesuche total entspannend findet: meine Tochter;-)

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