Einen Tannenbaum zu Weihnachten aufstellen – kann man machen. Rüdis fotografische Beleuchtungs-Utensilien sind allerdings auch recht schön. Und man spart sich die Kerzen. Der Heilige Abend bricht an. Wir sind aufgeregt. Nicht wegen des Gänsebratens im Ofen und ob der hoffentlich auch knusprig genug wird. Nein, wir haben ganz andere spannende Aufgaben zu bewältigen.

Meine Aufregung überholt kurzzeitig die von Rüdi. Der ist gerade mit Umbauten im Wohnzimmer beschäftigt, damit das zum Fotostudio umgewandelt wird. Hat er schon tausendmal gemacht. Kein Grund, sich über irgendwas aufzuregen. Das ändert sich schnell. Davon ahne ich derzeit nicht im Geringsten etwas. Besser ist das, ich stehe nämlich im Bad und muss eine nahezu unlösbare Aufgabe erfüllen: Mich Make-up-mäßig in einen Hollywood-Star verwandeln. Als dieser soll ich nachher die Showbühne, ähm, unser verwandeltes Wohnzimmer betreten. Nach über einer Stunde des Hollywood-Schönheits-Kampfes bin ich erschöpft. Aber zumindest recht ansehnlich. Bis ich den passenden Fummel übergestreift habe, gehen weitere Energiereserven verloren. Ist sehr kompliziert wegen der flatternden Ärmel.

Der große Moment bricht über Rüdi herein, als seine Ehefrau – jetzt Star – das Wohnzimmer betritt, an dem nichts mehr an seinem Platz steht. Die vordere Hälfte musste meiner heutigen Showbühne weichen. Wo hätte da noch einen Tannenbaum Platz gehabt? Nirgends! Eine gute Entscheidung, dieses Weihnachten ergo ohne zu verbringen.

Meine Laune hat sich in etwa den Gegebenheiten einer Oscar-Verleihung anpasst. Ich bin extrem gut drauf. Leider nicht mehr lange. „Uli, wir müssen erst das Licht testen“, reißt mich der Fotograf aus meinen Hollywood-Träumen. Die bewirken, dass ich mich vollautomatisch Roter-Teppich-like in Pose werfe. Ich kann mich nicht dagegen wehren, kommt einfach so über mich. Da das alles aber total überflüssig wäre, so lange Rüdis kompliziert miteinander verknüpfte Technik nicht in Top-Form ist, verharre ich und warte – warten auf den großen Auftritt. Also stehe ich blöd abartend hier rum und versuche diese Star-Sache erst mal zu vergessen. Geht ganz schnell, denn der Fotograf fängt zu fluchen an. Irgendwas an seiner Technik. Er wähnt die Technik selbst dran schuld, da er nicht schuld sein kann.

100 (vergebliche!) Versuche plus 1,5 Stunden doof rumstehen und einen inzwischen wie einen Rohrspatz schimpfenden Fotografen lassen vermuten, dass die Technik nach wie vor seinen Wünschen hinterherhinkt. Die Entwicklungen bedingen eine Unterbrechung. Frau Star braucht dringend eine Sitzgelegenheit und Herr Fotograf eine Erleuchtung.

Vielleicht kommt die ja über ihn, wenn er sich die bisherigen nichts gewordenen Fotos am Rechner anschaut. Und so findet die zweite Verwandlung des Tages statt: Der Fotograf wird in Windeseile zu Inspektor Columbo. Mit List und Tücke kommt er dem Übeltäter endlich auf die Spur. Der Filter im Objektiv war’s, dieser Hund. Zu den Oscar-Verleihungen kommen wir daher leider etwas verspätet. Aber immerhin, sie finden statt: in unserem Wohnzimmer und wie es sich gehört natürlich ohne Tannenbaum und Gänsebraten.

 

 

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