Ich schaue blinzelnd gegen die Sonne. Mama sagt, das darf ich nicht, weil da die Augen kaputt gehen. Es kitzelt aber so schön bis runter in die Nasenspitze. Deswegen mach ich’s trotzdem. Heimlich. Ich mache oft was heimlich. Das sind die tollsten Sachen. Nee, nicht wegen verboten und so. Sondern aus Spaß. Ich muss das außerdem machen. Bin heimlich Forscherin und Entdeckerin. Was ich dabei entdecke, macht Spaß.

Neulich interessierte mich brennend, was da unter der Erde noch alles kommt. Also wenn ich ganz tief grabe. Und noch tiefer. Irgendwann muss die Erde doch bestimmt aufhören. Ich grabte und grabte. „Das heißt grub“, verbesserte Mama mich tadelnd. Ja, sie erwischte mich dabei. Mein Loch war riesig. Mindestens so groß wie Frau Möllers Busen. Die wohnt in der Wohnung neben uns, ist schon ganz alt und hat immer schlechte Laune.

„Lisa, lass das! So ein Loch kann gefährlich werden!“ Gefährlich? Ein Loch? „Wieso?“, wollte ich wissen und war traurig. Immer kommt Mama an, wenn mir was besonders Spaß macht und verbietet es mir. Immer, immer, immer! Das verstehe ich alles nicht und bin dann immer sehr traurig. Mindestens bis zum Abendessen. Meistens sogar, bis ich einschlafe. Davor zähle ich die Sterne am Himmel. Manchmal sehe ich ganz viele, manchmal keine. Auch das ist ein Rätsel, das ich voll spannend finde.

Ich kann es kaum abwarten, bis ich abends ins Bett hüpfen kann. Mama sagt mir dann gute Nacht, Papa dagegen nur selten. Ich drehe mich schnell auf die rechte Seite. Von dort aus habe ich den besten Blick aus dem Fenster. Mama hat auch endlich verstanden, dass sie den Rollladen oben lassen soll. Sonst sehe ich ja nix. Meistens tut sie nie das, was ich möchte. Das mit dem Rollladen ist eine Ausnahme. Nach dem Gute-Nach-Kuss rolle ich mich also auf die rechte Seite. Mama macht das Licht aus und die Tür von außen zu.

Damit es spannender für mich wird, mache ich vorher schon die Augen zu und warte furchtbar lange. Die Spannung wird dabei größer und größer. Sie kribbelt so richtig im Bauch. Ich mag es, wenn es dort kribbelt. Deswegen tue ich alles, um das nächste Abenteuer zu erleben. Wenn ich die Augen fast nicht mehr geschlossen halten kann vor Bauchkribbeln, könnte ich platzen vor Freude. Und dann sehe ich die Sterne. Gestern und vorgestern waren sie nicht da. Hab überall am Himmel nach ihnen gesucht. Aber nicht gefunden.

Ob die Sterne da wohl woanders waren? In Afrika vielleicht? Ich höre ein Geräusch von draußen und reiße die Augen weit auf. Bloß nix verpassen jetzt. Huch! Was macht denn das lila Männchen mit der großen Zipfelmütze direkt vor meinem Fenster? Es sieht freundlich aus und lacht mich an. „Hallo, wer bist du?“, begrüße ich es. „Ich heiße Egon und ich wollte mal schauen, was es hier zu entdecken gibt.“

Boah, klasse! Noch einer, der alles Mögliche entdecken will. Ob er mein Freund sein will? Meine Freunde im Kindergarten sind öde. Die spielen nur mit Puppen oder Autos. Ich spiele viel lieber entdecken, da will aber nie jemand mitmachen. Die lachen mich sogar aus, wenn ich mit dem Vorschlag ankomme. Und Fräulein Müllersohn im Kindi schüttelt dauernd den Kopf. Als ob ich etwas Schlimmes gemacht hätte. Dabei bin ich sehr artig. Räume meine Sachen ordentlich auf, haue den Paul nicht, obwohl der mich dauernd schubst. Ich esse mein Salamibrot auf und setze im Sommer meinen Sonnenhut auf. Mama sagt, das ist wichtig, sonst wird mir schlecht. Warum schimpfen die Erwachsenen trotzdem so oft mit mir? Fräulein Müllersohn tut es. Mama tut es. Papa tut es meistens am Wochenende. Unter der Woche hat er keine Zeit.

Vor lauter Aufregung muss ich heulen. Egon muss unbedingt mein Freund werden. Hoffentlich mag er mich. „Hallo Egon. Ich bin Lisa. Ich schau mir die Sterne an. Willst du mitmachen?“ „Klar! Darf ich reinkommen?“, fragt er. Komisch! Wieso konnten wie miteinander quatschen, obwohl das Fenster noch zu ist? So was geht doch gar nicht. Voll spannend! Egon ist mir daher gleich sympathisch. Wir werden bestimmt dicke Freunde. So richtig dick!

Schnell öffne ich das Fenster und lasse meinen neuen Kumpel herein. „Hier. Du kannst auf meinem Stuhl sitzen. Ich nehm das Sitzkissen“, biete ich ihm an. „Danke, Lisa. Schön hast du es hier.“ Na ja. Ich finde mein Zimmer langweilig. Am liebsten würde ich meine Tapete mit Fingerfarben verschönern. Hat Mama mir verboten.

Vorgestern baute ich mir eine Höhle aus meiner Bettdecke, der Sofadecke, drei Betttüchern aus Mamas Kleiderschrank. Danach knotete ich alle Handtücher aneinander und machte ein langes Seil aus ihnen. Das war mein Höhleneingang, denn der lag etwas höher. So ungefähr auf Betthöhe. „Was machst du da?“, schrie Mama, als sie mich zum Abendessen holen wollte. „Höhle bauen“, antwortete ich stolz. „Lisa! Mach nicht immer solchen Quatsch. Kannst du nicht einfach mit deinen Puppen spielen?“ Ich hasse Puppen. Das habe ich Mama schon oft gesagt.

Auch egal jetzt, denn Egon ist da. Das Kribbeln im Bauch will gar nicht mehr aufhören. Er sieht lustig aus. Seine Beine sind dünn wie Bohnenstangen und viel zu kurz. Sein Bauch wiederum kugelrund. Der leuchtet lila und glitzert dabei noch heller als alle Sterne zusammen. Seine Hände haben drei Finger. Kann er damit seine Zähne richtig putzen oder sich den Popo abputzen, wenn er groß musste? Muss ich ihn nachher unbedingt fragen. Sein Gesicht ist durchsichtig. Da drunter ist kein Blut oder so zu sehen. Wenn ich mich in den Finger schneide, blute ich sofort. Also ist unter der Haut dieses Blut versteckt.

Bei ihm rein gar nichts zu erkennen. Es glitzert durch seinen ganzen Kopf durch bis hinter die riesigen Ohren. Damit könnte er fliegen wie Dumbo. Ja, ganz bestimmt. Auf dem Kopf ragen zwei Dinger raus, die aussehen wie unsere Antenne am Radio. „Woher kommst du?“, will ich wissen. Ich kann das Kribbeln kaum mehr aushalten, so bitzelt das in meinem Bauch. Ich mag es trotzdem, wenn es bitzelt.

„Ich komme vom Stern Acamar. Man hat mich auf die Erde geschickt, um hier gewisse Forschungen anzustellen.“ Ein Forscher – wie ich! Toll! „Und was genau sollst du da rauskriegen?“ Meine Augen werden von Sekunde zu Sekunde größer. Die Sterne habe ich längst vergessen und alles andere auch. „Man sagte mir, die Menschen auf der Erde seien überwiegend komisch. Sie hätten keinen Spaß, würden sich gegenseitig alles verbieten, was Freude macht. Vor allem die Eltern ihren Kindern.“

Gibt’s ja nicht! Das wissen die da auf dem Stern? Gucken die vielleicht mit Fernrohr zu uns runter und sehen Mama, wie sie dauernd Angst hat und mit mir schimpft, wenn ich wieder was Neues erkunden will? „Meine Mama macht das dauernd mit mir. Kannst du das ändern? Also kannst du sie irgendwie mit deinen Antennen da oben umprogrammieren oder so?“ Plötzlich ist das schöne Kribbeln weg und ich werde sehr traurig.

So traurig wie damals, als ich den Regenwurm im Garten gefunden habe, Mama laut „Igitt“ rief und ihn mir aus der Hand schlug. Er fiel auf die Terrassenplatten und machte danach keinen Mucks mehr. „Du hast ihn totgemacht!“, schrie ich damals voller Wut. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Regenwurm und ich waren Freunde. Ich hatte doch sonst keine. So viel traurig bin ich jetzt auch wieder. Wenn Mama mir nur mal erlauben würde, Abenteuer zu erleben. Sie versteht mich einfach nicht. Bestimmt deswegen, da sie Verkäuferin ist und keine Ahnung von diesen Entdeckungen hat und was die im Bauch für tolles Kribbeln machen. Bei ihr kribbelt glaub sowieso nie was, sie schaut dauernd so ernst. Papa auch. Oma auch. Meine Schwester Brigitte auch. Vielleicht bin ich ja auch von einem fremden Stern.

„Kann ich mit zu dir kommen, wenn du mit deiner Forschung auf der Erde fertig bist?“ Die Wesen vom Stern Aca … Dingsbums passen viel besser zu mir. Wenn alle so sind wie Egon, will ich bitte dorthin. Mama wird mich bestimmt nicht vermissen. Sie muss dann nicht mehr so viel schimpfen und sich aufregen. „Das geht leider nicht, Lisa.“ Och menno! Ich muss weinen. Es schüttelt mich richtig dabei. „Warummmmm nicht?“, schluchze ich. „Wir haben eine andere Atmosphäre. Du kannst dort nicht atmen. Dazu bräuchtest du solche Antennen wie ich.“

„Kannst du dann wenigstens mit Mama sprechen, damit sie mich meine Abenteuer weitermachen lässt?“ Vielleicht hilft wenigstens das. „Würde ich gerne tun. Sie sieht mich jedoch nicht. Nur du kannst mich sehen. Du hast eine besondere Begabung, die sich Fantasie nennt. Die ist nicht bei jedem Menschen gleich gut entwickelt. Du bist überbegabt. Das ist ein wunderschönes Talent, liebe Lisa.“ Hm. Fühle mich eher voll elend.

„Egal, was die Menschen über das Leben sagen oder dir erklären wollen: Vergesse nie diese Gabe in dir. Nutze sie. Ich muss leider weiter.“ Wie, was, wo? Jetzt schon? „Egon, bleib doch noch ein bisschen. Du bist mein Freund. Ich brauche dich!“ Schon wieder kullern mir die Tränen über die Backen und tropfen auf meine Hände.

„Mit deiner Fantasie kannst du jederzeit mit mir sprechen – und mich sehen, wann immer du willst. Alles, was du wir wünschst, brauchst du dir einfach nur vorzustellen und du wirst es sehen, fühlen, hören. Vertraue mir!“ Ein kleiner Knall, ein kurzes Rauschen, dann ist Egon weg.

Was er am Schluss sagte, verstehe ich nicht. Ich lege mich ins Bett und denke drüber nach. Ich grüble und grüble. Ohne Ergebnis. Und ich weine erneut, weil ich mich so einsam und außerirdisch fühle. Keiner versteht mich – außer Egon …

Abonniere meinen Newsletter: