Die Figur als Problem (wo eigentlich gar keines ist!)

Die Figur als Problem (wo eigentlich gar keines ist!)

Toll, wenn du von Menschen nonstop so begrüßt wirst „Hast du schon wieder abgenommen?“. Ich verstehe die Frage nicht. Abgesehen davon, dass ich seit 35 Jahren gleich viel wiege und dafür noch nie eine Diät machen musste, frage ich ja auch nicht: „Hey, schon wieder fetter geworden?“ Wenn du schlank bist, hört die Höflichkeit auf. Dabei ist es doch genau das, was alle sein wollen.

Ich komme zum Arzt. Er guckt mich von oben herab an: „Sie wissen aber schon, dass Sie Untergewicht haben?“ Bei der Feststellung komme ich mir vor wie eine Patientin kurz vor dem Hungertod. Gerade ich, Kohlehydrat-Junkie und immer auf der Suche nach Kalorien. Und schon geht die Diskussion los, bei der ich grundsätzlich den Kürzeren ziehe. Ich muss mich rechtfertigen, hundertmal erklären, was genau ich esse und wann. Und ich bin auch noch so doof und rechtfertige mich Jahrzehnte lang, als stünde ich vor Gericht – „Frau Uli ist hiermit verurteilt zu sechs Jahren Zwangsernährung.“

Ich treffe eine Bekannte. Ein paar Jahre nicht gesehen: „Hast du schon wieder abgenommen?“. Ich verteidige mich bis aufs Blut und schwöre unter Eid: Nein, kein einziges Gramm. So geht das fortwährend. Millionen Male dieselbe Frage. Bin ich mit Größe 34 ein Exot?

Irgendwann werde ich schwanger

Juhu, endlich zunehmen und mich dann nie wieder für meine schlanke Figur verteidigen müssen. Nach der Geburt bleiben sicher ein paar Kilos an mir kleben. Ist ja bei allen Frauen so (außer bei Exoten). Ich starte mit 49 Kilo in die Schwangerschaft und marschiere neun Monate später mit 57 Kilo in den Kreissaal. Mist! So wird das wohl nix. Kindchen kerngesund, bringt runde 3 Kilo auf die Waage. Ich laut Hebamme ein Phänomen, verlasse die Klinik rank und schlank.

Die Fragerei geht weiter. Führt dazu, dass ich mir irgendwann einrede, ein Figurproblem zu haben und verfalle in das „Figur mit allen Mitteln versteck-Syndrom“. Auf Teufel komm raus diese furchtbare Tatsache kaschieren. Sorry Welt, dass ich schlank bin. Und ob ich will oder nicht, ich nehme halt nicht zu. Selbst meine Nuss-Nougat-Aufstrich-Phase konnte daran nichts ändern. Zwei Gläser pro Woche, “nebenbei” mal kurz niedergelöffelt. Außer einem Magen-Darmproblem keinen weiteren Auswirkungen zu erkennen.

Kleiner Zeitsprung. Termin bei der Frauenärztin. „Sie sind ja noch dünner als letztes Mal!“ Neeeeeein, will ich laut schreien. Ich bin einfach nur schlank. Okay, vielleicht zierlich, aber nicht dünn und schon gar nicht dünner als letztes Mal. Kreisch!

Bevor ich völlig einen Hau wegkriege, schickt mir das Schicksal den Rüdi vorbei. Gerade noch rechtzeitig. Er ist entzückt und mächtig stolz. „Eine Frau um die 50, schlank, knackig, mit der Haut einer 20-Jährigen. Was für ein Geschenk“, findet er. Und er lässt keinen Tag aus, stolz wie ein Gockel an meiner Seite durch die Stadt zu laufen, um allen zu zeigen: Meine tolle Frau. Und wenn ich es mir recht überlege, hat der Rüdi so was von Recht.

Seitdem trage ich meinen 34er-Popo stolz wie nie durch die Welt. Und jeder, der mich noch einmal fragt, ob ich „schon wieder abgenommen habe“, kann mir den Buckel runterrutschen. Danke Rüdi, für alles!

Die Figur als Problem (wo eigentlich gar keines ist!)

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.