Warum die rosa Brille eine Fata Morgana vortäuschen kann

Ich habe die rosarote Brille auf. Teilweise soll die ja blind machen. Vielleicht auch deswegen, da mich die Schönheit dieses Typen so blendet. Meine Güte, ist der schön. Sexy Körper, dunkle Haare, eine Ausstrahlung, wow! Und der interessiert sich für mich? Kaum zu glauben.

Am Anfang kompliziert – immer kompliziert!

Bereits bei Date No. 2 wird’s kompliziert. Wir diskutieren kräftezehrend über irgendeine Nichtigkeit. Ich: total down (trotz verliebt) und irgendwie auch erschöpft. Sollte mir eigentlich zu denken geben, aber diese Brille halt. Wenn die Entzückung jedoch so groß ist, schalten gelegentlich diverse Hirn-Areale ab, die sonst für das logische Denkvermögen verantwortlich sind. Die meinen sind von einem Total-Blackout befallen.

Ich ziehe nach nur einer Woche bei Mr. Bombastic ein. Er ist frisch getrennt und hat gerade erst diese Wohnung bezogen. Überall hängen Fotos seiner Ex, als ich mit meinen Kisten und Koffern bei ihm aufschlage. Erneute Diskussion meinerseits, dass ich Exen-Fotos nicht so dolle finde. Er versteht das gar nicht, hängt sie trotzdem ab und verstaut sie beleidigt im Wohnzimmerschrank.

Nach vier Wochen stehen wir diskutierend in der Küche. Ihm gefällt nicht, wie ich den Geschirrspüler einräume. Die Messer bitte immer zu den Messern, die Gabeln in ein anderes Fach. Bähm! Zum ersten Mal fliegt die rosa Brille in hohem Bogen auf den Fußboden. Dummerweise hebe ich sie wieder auf und setze mir das Ding erneut auf die Nase. Eines Abends chille ich nach einem anstrengenden Tag auf dem Sofa und gucke fern. Er fragt mich in verächtlichem Ton, ob ich eigentlich keine Hobbys habe. Bähm! Dieses Mal muss ich die Brille vier Tage suchen, bis ich sie wiederfinde. Ich bin hart im Nehmen.

Männerabend. Bei uns zu Hause.

Seine Kumpels gastieren mit zwei Kisten Bier in unserem Wohnzimmer. Ich fühle mich wie Henne im Korb, auch wenn das Sprichwort sonst anders lautet. Gerade fange ich an, mich als einzige Henne unter den Hähnen wohl zu fühlen, als einer der Typen unverschämt wird: „Wird Zeit, dass du deiner Freundin endlich mal was zu essen gibst!“, raunt er meinem Freund zu. Grölendes Lachen in der Männerrunde. Am lautesten von allen lacht er. Bähm!

Finde ich jetzt weniger lustig und verdufte ins Bad. Einige Tränenbäche später suche in meinen Selbstwert (und die Brille). Keine Ahnung, wohin beides verschollen ist. Ja, ich bin tatsächlich eine zierliche Person, Konfektionsgröße 34. So weit alles dran an mir und vermutlich werden mich Millionen Frauen dieser Erde für meine Figur beneiden. Aber nein, ausgerechnet die Anmerkung eines bierbauchigen, besoffenen Typen haut mich aus den Latschen. Inklusive des höhnischen Mitlachens meines Freundes.

Endlich ist der Männerabend beendet. Ich knie vor dem Klo und putze diverse Kotzreste vom Fußboden, die es aus Gründen verloren gegangener Koordination nicht mehr in die Schüssel schafften. Mein Freund ist sturzbesoffen.

Ein Jahr mit weiteren Komplikationen vergeht.

Als er mich aggressiv anbrüllt, weil ich die Wohnungstüre von außen scheinbar falsch zumache und außerdem noch viel zu laut, werfe ich meine rosa Brille endgültig in die Mülltonne. Ich bereite meinen Abflug aus diesem komplizierten Wahnsinn vor. Während dessen kontrolliert er heimlich mein Handy und meine Mails. Er vermutet einen anderen Kerl am Start. Meine Güte, als ob ich in dem Moment keine anderen Sorgen hätte.

Tschüss Mister Kompliziert, ein schönes Leben noch!

Die Moral dieser Geschichte: Was einmal kompliziert anfängt, bleibt kompliziert. So sicher wie das Amen in der Kirche. In solchen Fällen lieber sofort die Füße in die Hände nehmen und dann laufen. Am besten schnell und weit weg – rosa Brille hin oder her.

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