Die Sache mit der Psychoklinik. Nicht ganz so lustig.

Die Sache mit der Psychoklinik. Nicht ganz so lustig.

Auf Trommeln hauen und schwarze Wolken malen. Mein Programm in der Psychoklinik zeigt sich, ähm, ulkig. An Tag 51 aber hört der Spaß auf. Alles nur wegen einem simplen Toilettengang.

Hilfe, mein Magen streikt, und das schon seit Wochen. Selbst die leckersten Köstlichkeiten dieser Erde und auch mein gutes Zureden helfen nicht weiter. Also soll Herr Doktor herausfinden, was da los ist.

In Minute drei unseres Zusammentreffens stellt er die Diagnose „Depression“. Hm, ich überlege angestrengt. Depressiv fühle ich mich nicht, nur etwas besorgt. Da er aber ja nur 10 Minuten zur Verfügung hat, um mir zu helfen, muss eine Depression her. Die ist schnell behandelbar. Er zückt seinen Rezeptblock und verschreibt mir Antidepressiva. Da wir uns bereits in Minute 13 befinden, habe ich keine Zeit mehr für Gegenargumente. Ich werde zur Tür begleitet.

Meine Blutwerte – so sensationell, dass es kaum auszuhalten ist

Ich vereinbare einen Termin bei einem anderen Arzt. Pah, so schnell gebe ich mich nicht geschlagen. So langsam wird es auch dringlich, denn ich habe schon 5 kg abgenommen. Der gute Herr Doktor gibt sich etwas mehr Mühe und will mir Blut abnehmen. Okay, wenn es dem Streik meines Magens bzw. dessen Aufhebung dienlich ist, gerne!

Die Ergebnisse bringen seine Augen zum Leuchten. „So tolle Blutwerte habe ich selten gesehen“, sagt er begeistert. Ich bin stolz auf mich und mein tolles Blut. „Aber was ist nun mit meinem Magen?“, frage ich neugierig. „Ihr Magen? Dem fehlt nichts. Sie haben eine Depression!“ Und schon halte ich das nächste Rezept für Antidepressiva in den Händen.

Da ich definitiv und felsenfest sicher bin, an keiner Depression zu leiden, ist guter Rat teuer. Was tun? Eine Diskussion beginnen in Minute 9? Ganz schlechtes Timing und nicht förderlich für die Laune des Arztes, da er ja dann furchtbar viel gratis arbeiten muss. Und so beschließe ich, die Praxis diskussions- wie ergebnislos zu verlassen. Dafür kann ich jetzt ja schon zwischen zwei Sorten Antidepressiva wählen.

Oh je, es geht abwärts

Die aktuelle Zahl an der Waage zeigt einen deutlichen Abwärtstrend, was mich dazu bewegt, Arzt No. 3 aufzusuchen. Der befindet direkt nach der Begrüßung ohne weitere Diskussion, Rezepte oder Untersuchungen, ich gehöre schnurstracks in eine Klinik. Aber sofort! Magersüchtig, wie ich bin. Eine neue Diagnose. Wobei die Magersucht von einer schweren Depression begleitet wird, so seine Worte.

Ich finde dagegen, dass diese ganzen Arztbesuche doch wahrlich zum Haareraufen sind. Da wir aufgrund seiner turboschnellen Diagnose einige Minuten übrighaben, verschönt er seinen vorgeschlagenen Klinikaufenthalt. Er malt ihn in allen Facetten aus, als ginge es um einen Wellnessurlaub. Hört sich furchtbar verlockend an. Wellness, Seele baumeln lassen. Ich stimme zu.

Gesundheit und Klinik

Hallo Psychoklinik, hier bin ich

Eine Woche später sitze ich im Wellness-Tempel, der sich Psychoklinik nennt. Oh herrje. Die Abteilung gegenüber wird immer abgeschlossen. Von innen wohl gemerkt. In meiner Abteilung dagegen sind die Türen offen, außer nachts. Und es gibt furchtbar strenge Regeln, an die wir uns alle halten müssen. Ich als depressive Magersüchtige sowieso.

Man bringt mich in einem Zimmer direkt neben dem Schwesternzimmer unter. Sicher ist sicher. Eine gefährdete Magersüchtige sollte man immer im Auge haben. Sie könnte ja verbotenerweise Essen ins Zimmer schmuggeln, und das ist komplett untersagt. Es wird sogar mit einer Strafe belegt, wenn ich diese Anordnung nicht befolge.

Eine echt kuriose Heilung, die da erfolgt. Da ich inzwischen leicht aufbegehre, ordnet man großzügig einen Ultraschall an. Der ergibt: Mein Magen sieht genauso toll aus wie mein Blut. Damit ist die Diagnose bekräftigt. Ich solle mich endlich nicht mehr dagegen sträuben, sonst könne man mir nicht helfen.

Von lauten Trommelgeräuschen und schwarzen Wolken

Tag 45 in der Klinik bricht an. Unser gemeinsames Programm sieht immer gleich aus: montags müssen wir zur Musiktherapie. Die läuft überwiegend so ab, dass jeder von uns Patienten wie verrückt auf irgendeinem Musikinstrument herumklopft. Welche zum Pusten gibt es hier nicht. Die werden schon wissen, warum sie nur solche zum Draufhauen anbieten.

Es ist furchtbar laut während der Musiktherapie. Ich bekomme dabei regelmäßig Kopfschmerzen. Trotzdem hauen wir drauf. Wir werden sozusagen dazu gezwungen. Tun wir es nicht, folgt eine Strafe. Mit der Strenge nehmen sie es schon arg ernst in dieser Klinik.

Nach dem Draufhauen müssen wir Patienten uns beeilen, damit wir rechtzeitig zur Kunsttherapie erscheinen. Dabei geht es wesentlich ruhiger zu. Ich kann zwar toll schreiben, dafür miserabel malen. Die Therapeutin meint, das macht nichts. Meine Bilder seien trotzdem wunderschön und erzählt mir lange 30 Minuten, was meine schwarzen Wolken tiefenpsychologisch zu bedeuten haben.

Sie ist richtig entzückt von meinem Werk. Ich frage, ob ich mein Bild signieren soll. Die Gesichtszüge der Dame wechseln von Entzückung zu Entrüstung. Hä? Was ist nun schon wieder verkehrt? Sie will mein Verhalten umgehend mit der Klinikleitung besprechen. Da die Stunde sowieso um ist, breche ich zum Mittagessen auf.

Uffbassa!

Mein Magen freut sich schon wie Bolle auf die nun folgende Szenerie. Bei depressiven Magersüchtigen läuft das Essen anders ab als bei meinen Mitpatienten. Ich muss mitsamt meinem Magen am Tisch sitzen, obwohl er jetzt, Punkt 12 Uhr, keinen Bock auf Nahrung hat. Sehr wichtig dabei: Den Deckel meines Essens abnehmen und das Mahl 20 Minuten nonstop anschauen.

Bevor diese Zeit nicht verstrichen ist, dürfen wir beide weder aufstehen oder gar weggucken. Extra wegen uns sitzt ein Aufpasser mit am Tisch, der die Zeit im Auge behält. Wehe, wir machen uns in Minute 18 vom Acker, dann ist Polen offen. Das stimmt mich nachdenklich. Da ich jedoch wenig Erfahrung mit Wellnessurlauben habe, nehme ich die Hausordnung einfach hin, wie sie ist.

Showdown

Anlass zu größeren Sorgen bezüglich Regeln überkommt mich erst an Tag 51. Zuvor hatte ich wegen des ganzen Draufhau-, Mal und Essen-Anguck-Stresses einfach keine Zeit für tiefere Gedanken. Wir sitzen alle im Kreis. also alle Patienten auf meiner Station. Jeder klagt auf schlimmste Art sein Leid. Bis alle damit durch sind, hat jeder Gesunde mit Sicherheit eine Depression.

Sehr lange 90 Minuten dauert das Klagen und Weinen an. Bei Minute 50 muss ich wieder mal aufs Klo. Das ist bei mir halt so, schon immer. Ich muss öfter als andere. Dass ich damit plötzlich auch gegen Regeln verstoßen soll, kann ich gar nicht verstehen. Zunächst ist kein Regelverstoß ersichtlich.

Ich gebe der anwesenden Therapeutin bekannt, dass ich kurz auf der Toilette bin. Keine drei Minuten später sitze ich brav sowie um einiges erleichtert auf meinem Stuhl. Ich schwöre, länger hat es wirklich nicht gedauert. Kaum Platz genommen, unterbricht Frau Therapeutin die weinenden Klagen des Patienten neben mir. „Frau Uli, so geht es nicht!“ Huch, was habe ich angestellt? Ich bin mir keiner Schuld bewusst. „Jeder erwachsene Mensch kann spielend leicht 90 Minuten anhalten. Sie verfolgen demzufolge niedere Absichten mit Ihrem Toilettengang. Entweder, Sie unterlassen das künftig oder ziehen sich eine Windel an.“

Auf (nimmer) Wiedersehen

In harten Zeiten muss man zusammenhalten. Mein Magen und ich schließen innerhalb von drei Sekunden Freundschaft. Erheben uns gemeinsam vom Stuhl, verabschieden uns von der anwesenden Mannschaft und packen unseren Koffer. Tschüss Wellnessurlaub! So perplex habe ich die Therapeutin in der gesamten Zeit nicht gesehen. Sie sieht echt schlecht aus. Bestimmt hat sie eine Depression.

Epilog – mit Happyend

Die gute Nachricht: Wir wurden wieder Freunde, mein Magen und ich, denn allein die Hefe ist schuld. Sie hat unsere Freundschaft quasi zerstört. Woher soll ich aber auch wissen, dass mein Magen ausgerechnet Hefe blöd findet. Da muss ich erst depressiv und magersüchtig werden sowie sündhaft teuer wellnessen gehen und noch weitere 3 kg abnehmen, bis das Rätsel gelöst wird. Ich wage es kaum zu sagen: leider nicht von einem Arzt.

Die Sache mit der Kohle

Hefe-Fahndungen in Form eines speziellen Bluttests werden grundsätzlich nicht von der Krankenkasse übernommen. Dabei kostet das gar nicht viel, mein Wellnessurlaub war tausendmal teurer. Egal wie, ich muss die Rechnung trotzdem selbst bezahlen. Das gibt mir Rätsel auf, wo diese Sache im Vergleich zum Wellnessurlaub so günstig war und das Problem sogar noch löste. Dieses Gesundheitssystem soll mal einer verstehen.

Randbemerkung: Die Geschichte hat sich im Jahr 2000 tatsächlich zugetragen.

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