Von meiner Mutter, ihrer Kindheit und Jugend weiß ich leider nicht sehr viel. Wir haben nie drüber gesprochen. Und irgendwann war es zu spät, denn sie wurde sehr krank und starb. Papa und ich nutzten die Zeit, die wir nach dem Tod meiner Mama noch gemeinsam hatten. Immerhin lange 20 Jahre. Er erzählte mir alles: von seiner Kindheit und Jugend. Schlimme Kriegs-Erinnerungen, aber auch lustige Lausbuben-Streiche.

Seine Freude dabei unermesslich, dass sich jemand dafür interessiert. Ich schrieb seine Geschichte auf. Er kümmerte sich um die Fotos von einst. Und dann machten wir ein Erinnerungsbuch daraus. Er verschenkte das Buch stolz wie Bolle an seine vier Enkel und hütete es wie einen Schatz. Mein Papa wurde 85 Jahre alt und hatte eine Menge zu erzählen: Spannendes, Trauriges, Unfassbares. Ich habe dabei so viel über ihn erfahren. Ein kleiner Auszug findet sich nachfolgend:

 

April 1942: Drei befreundete Lausbuben machen mal wieder das kleine Wäldchen am Rande von Lundenburg (heute Breclav) unsicher. „Hey Alois, schau, was ich gefunden habe!“, ruft Kurt begeistert und fischt in dem Moment, als er das sagt, vier glitzernde „Schätze“ aus der Thaya. Dass es sich dabei um eher das Gegenteil handelt, können die Jungs ja nicht wissen. Alois erfährt erst später von seiner Mutter, dass es Nazi-Abzeichen sind, als er einen Teil davon stolz zu Hause präsentiert.

Es dämmert schon, als die Jungs ihren Streifzug Richtung Westen fortsetzen – die Taschen vollgestopft mit etlichen „Schätzen“. Da entdecken sie ca. 20 Meter vor sich ein Blinken. Als würde jemand ständig einen Lichtschalter an- und ausknipsen.

Auch wenn Lausbuben im Allgemeinen und diese drei hier besonders recht unerschrocken sind, rutscht ihnen da jetzt dennoch das Herz in die Hose.

„Psst, leise!“, mahnt Alois seine Freunde. „Wer weiß, was das zu bedeuten hat? Die dürfen uns auf keinen Fall entdecken“, erklärt er mit zitternder Stimme. Während des Krieges anno 1942 weiß man ja nie, was gerade abgeht. So viel kapieren auch die Jungs, obwohl sie ansonsten bis dato recht wenig von den Hintergründen verstanden haben.

Also nichts wie mit leisen Sohlen aus dem Wäldchen schleichen und in Richtung Straße laufen. Zufällig kommt ein Soldat des Weges. „Da gibt jemand Lichtzeichen“, ruft Kurt aufgeregt.

Und so macht sich der Trupp zurück zur besagten Stelle, um der Sache auf den Grund zu gehen. „Ihr bleibt schön hier, ich schaue, was da los ist“, sagt der Soldat in bestimmendem Ton. Doch die Neugier ist halt schon arg groß. Also schleichen die Buben drei Meter hinter dem Mann hinterher. Plötzlich großes Gezeter und Geschimpfe aus Nähe der Lichtquelle.

Zwei Minuten später kehrt der Soldat grinsend zurück. Kein Notsignal und auch keine Gefahr – nur ein Paar, das die Jungs hiermit beim Liebesspiel gestört haben. Sagen wir so: In Zeiten wie diesen gibt es deutlich Schlimmeres als das.

 

Drei Jahre später, derselbe Monat – Es wird brenzlig, denn die Front ist ganz nah

Und so packt Alois‘ Mutter hektisch die nötigsten Sachen zusammen, nimmt ihre vier Kinder an die Hand. Bis auf Alfred, der ist zu klein und wird daher flugs in einen Leiterwagen gepackt. Alois Vater? Der gilt seit Kurzem als vermisst und er weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er ihn leider nie wiedersehen wird.

Dann geht alles rasend schnell. Mama Rosa spricht in der Stadtmitte kurzerhand einen Soldaten an, er möge sie doch bitte mitnehmen. Leider ohne Leiterwagen, für den gibt es keinen Platz im Auto. Stunden später stranden sie in völliger Dunkelheit in irgendeiner Stadt und verbringen die Nacht erbärmlich frierend in einem Schützengraben.

Am Himmel brummen dutzendweise und nonstop Flugzeuge über sie hinweg, die beim Abwerfen der Munition die berühmten „Christbäume“ am Himmel hinterlassen. Ein fast schon schaurig schöner Anblick, wäre danach nicht das ohrenbetäubende Krachen der aufprallenden Bomben zu hören gewesen.

Am nächsten Tag geht’s weiter und am übernächsten und auch viele weitere Tage – bis die kleine Familie endlich nahe der österreichischen Grenze ankommt. Sie verbleiben dort gute vier Wochen. Trotz der widrigen Umstände versiegt eines bei Alois nie: die Abenteuerlust. Er und sein Bruder Franz gehen die Gegend auskundschaften. Im Wald finden sie kistenweise Granaten, Panzerfäuste und sogar Motorräder. Sie fühlen sich dabei erneut wie echte Schatzsucher und vergessen darüber kurzzeitig, dass das Ganze hier ja kein wirklicher Spaß ist.

 

Dann heißt es plötzlich, der Krieg sei zu Ende. Eigentlich ein Grund zur Freude. Nicht so bei Alois und seiner Familie.

Sie erfahren, dass sie nicht mehr nach Hause in die Heimat zurückkehren können.

„Ja, wohin gehen wir denn dann?“, fragt Alois seine Mutter, einigermaßen ängstlich. „Wir müssen nach Wien“, entgegnet sie knapp und macht sich mit ihren Kindern erneut auf den Weg.

Keine schöne Zeit für alle. Nichts zu essen, nur die Kleidung dabei, die sie am Leibe tragen – sonst nichts! Dabei einige traumatisierende Dinge mit anschauen müssen. Doch irgendwann haben sie es geschafft und werden in Wien-Floridsdorf mit anderen Flüchtlingen in einem Kloster untergebracht.

Und was machen da die Knirpse? Alois ist inzwischen 12 Jahre alt. Na, was schon! Erkundungstour ist angesagt! Mit dem Zug geht es kreuz und quer durch Wien. Sie treffen auf russische Soldaten, die ihnen nicht ganz geheuer sind, ihnen aber freundlich begegnen. In der amerikanischen Zone wartet wiederum ein Highlight auf Alois: Er sieht den ersten Zeichentrickfilm seines Lebens. In der Hauptrolle eine Katze und zwei Mäuse. Sehr lustig. Es lässt ihn die vielen schlimmen Erlebnisse der letzten Monate kurzzeitig vergessen.

Da sie im Kloster nicht ewig bleiben können, soll die Fahrt weitergehen nach Waiblingen bei Stuttgart. Leider nicht so zügig, wie sie dachten, denn Franz erkrankt schwer an Typhus. Er überlebt die Sache nur knapp.

Als er sich etwas erholt hat, werden sie mit anderen Familien in einen Viehwaggon verfrachtet und los geht’s! Essen? Naja, damit sieht es ganz schlecht aus. Sie hungern. Daher halten die Mütter es auch so, dass sie bei jedem kleinen Zwischenstopp vom Zug springen und für ihre Kinder überall nach Essen betteln. Alois hat dabei jedes Mal eine Heidenangst, seine Mutter könnte es nicht rechtzeitig zurückschaffen und er müsste dann mit seinen 3 Geschwistern alleine in der Weltgeschichte umherirren.

 

Ankunft in Waiblingen. Alle Flüchtlinge erst mal ab ins Barackenlager.

Davor aber werden sie peinlich genau mit einem komischen weißen Pulver entlaust und sehen danach aus, als wären sie in einen Topf Mehl gefallen. Die Schwaben sind nicht gerade begeistert über die Neuankömmlinge und beschimpfen sie mit „Huara-Flichtling“. Kein Wunder, denn die Familien werden in deren Wohnungen im Verlauf zwangseingewiesen. Nicht so das erhebendste Gefühl – für alle Beteiligten wohl gemerkt.

Doch irgendwann endet jedes noch so tiefe Tal. Auch wenn dieses im Leben von Alois zugegeben extrem tief war und es sich zudem anfühlte, als wäre kein Ende in Sicht.

Es geht bergauf. Alois findet Anschluss in der neuen schwäbischen Heimat, fährt Radrennen – unter anderem zusammen mit dem späteren FDP-Politiker Kurt Vollmer. Parallel spielt er sehr erfolgreich Fußball, macht irgendwann eine Lehre als Werkzeugmacher und sein Lebens-Highlight folgt alsbald: Anneliese – eine dunkelhaarige Schönheit aus dem naheliegenden Beutelsbach. Beide heiraten ganz jung und gründen ein paar Jahre später eine Familie. Über dieses Happyend der Geschichte bin besonders ich sehr froh, sonst würde es mich nicht geben.

 

© Alle Fotos dieses Beitrags: privat

     

 

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