Mitte August 2016: Das Telefon klingelt. Völlig normal bei uns. Es klingelt mehr oder weniger ständig. Meine Kunden rufen an oder solche, die es werden wollen. So mache ich mir auch keine Gedanken beim jetzigen Klingeln. Am anderen Ende der Leitung gibt sich eine sympathische Männerstimme zu erkennen. Welcher Kunde mag das wohl sein? Ein neuer vielleicht? Natürlich verstehe ich den Namen beim ersten Mal wieder nicht. Das passiert mir ständig. Meine Ohren nehmen lediglich das Wort „SWR“ wahr und geben es ans Hirn weiter. Sie meinen zudem, das Wort „Nachtcafé“ verstanden zu haben.

Je älter man wird, desto mehr lässt die Gehirnleistung nach, wie wir alle wissen. Ich bin ebenso davon betroffen. Und so muss mein Gehirn zwei Dinge gleichzeitig bewältigen. Das Gespräch weiterführen, das sich soeben ergibt. Zusätzlich aber auch kapieren, um was es hier jetzt eigentlich geht.

 

„Wir möchten Sie als Gast zur Sendung in vier Wochen einladen“, höre ich den Herrn sagen.

 

Mit dieser Aussage ist das Chaos in meinen Hirnzellen perfekt. Ich höre mich noch „okay, ich komme“ sagen und lege auf. Danach ist mein Kopf erst mal hyperaktiv. Er denkt die ganze Nacht über die unterschiedlichsten Dinge nach – eine Masse an Denkarbeit, die locker für zehn Leben ausreichten müsste. Wir dagegen haben das in einer einzigen Nacht vollbracht. Nach dieser Erkenntnis stufe ich mein Gehirn als sehr leistungsfähig ein. Anders wäre ein solches Pensum nicht zu schaffen gewesen.

Ich muss verrückt sein, hier zuzusagen, denke ich mir mehrmals. Aber genau darum geht es ja in der Sendung. Ich bin also goldrichtig. „Das Leben mit der Angst“, so das Thema. Ich darf ein bisschen aus dem meinigen plaudern. Wie mir dafür läppische 15 Minuten ausreichen sollen, weiß ich nicht. Da die anderen Gäste ja auch noch was erzählen wollen, muss ich es in dieser knappen Zeitspanne schaffen. Dies sollte jedoch mein geringstes Problem sein.

 

Auf geht’s nach Baden-Baden zur Aufzeichnung

 

© Rüdiger Lutz

Da die ganze verrückte Story dessen niemals in diesen Artikels passen würde, kürze ich die Sache drastisch ab – und knüpfe einen Tag später wieder daran. Und zwar dann, als ich gebannt vor dem Fernseher sitze und darauf warte, dass es endlich los geht.

Ich mache mir in dem Moment wirklich große Sorgen. Alle wissen Bescheid, dass sie heute Nachtcafé gucken sollen. Dabei weiß ich noch gar nicht, ob ich mich blamiert habe. Herrje, das sehe ich doch erst, wenn ich mich selbst sehe.

Am Abend der Aufzeichnung war ich viel zu aufgeregt, um das objektiv beurteilen zu können. An Einzelheiten meiner Plauderei kann ich mich sowieso nicht mehr erinnern. Ich nerve meinen Rüdi daher den gesamten Freitagnachmittag mit einer einzigen Frage: „Rüdi, habe ich mich nun blamiert oder nicht?“.

Er bleibt geduldig und bestätigt mir zum zwanzigsten Mal, dass alles absolut in Butter sei.

 

„Keine Blamage und total sympathisch rübergekommen“, so seine Antwort.

 

Da er aufgrund seines bebenden Herzens als liebender Ehemann in seinem Urteilsvermögen befangen ist, kann er mich damit leider kaum beruhigen.

 

20 Uhr:
In gut zwei Stunden werde ich es wissen. Blamage oder nicht. Rüdi trinkt Kaffee, da er sich nicht mehr anders zu helfen weiß. Das Koffein wirkt. Er ist die Ruhe in Person. Im Gegenteil zu seiner Frau.

21.15 Uhr:
Ich schalte vorsichtshalber den Fernseher schon mal ein, um auch ja nichts zu verpassen.

21.30 Uhr:
Ich frage Rüdi, was ich nun machen soll, wenn ich mich blamiert habe.

21.55 Uhr:
Der Moderator kündigt die Sendung an. Mein Herzschlag verdoppelt sich.

22.00 Uhr:
Die bekannte Nachtcafé-Eingangs-Melodie klingt an meine Ohren. Der inzwischen verdreifachte Herzschlag und ich zappeln auf dem Sofa herum. Rüdi hält sich an seiner Kaffeetasse fest.

22.02 Uhr:
Uli wird vorgestellt. Ich schaue dazu – wie mit Frau Aufnahmeleiterin vereinbart – freundlich in Kamera 3. Bis jetzt ist keine Blamage festzustellen. Ich habe aber ja auch noch kein Wort gesagt. Das ändert sich schnell. Michael Steinbrecher stellt mir die erste Frage. Ich antworte auf Schwäbisch. Oh Gott! Schau es dir gern an und lausche diesem lustigen Dialekt. HIER geht’s zur Sendung.

Dass ich nicht anders sprechen kann als schwäbisch, ist mir seit Längerem bekannt. Dass sich dieser Dialekt aber tatsächlich so grausam anhört, merke ich erst jetzt: Wenn ich mir selbst dabei zuhören muss. Wie gut, dass ich Gast bei der Sendung war und nicht Rüdi. Sein Hohenlohisch hätte den Rahmen des Aushaltbaren gesprengt. Rüdi nimmt jedoch auf andere Weise an der Sendung teil. Ich finde das total süß. Er weniger. Im Moment bin aber immer noch ich im Einsatz und schwäbele meine Lebensgeschichte vor mich hin.

Der Showdown meiner Story beginnt

© Rüdiger Lutz

Ich schwärme zuerst von meiner Tochter. Dann von meinem Rüdi. Ein besseres Schlusswort hätte ich mir kaum einfallen lassen können. Wie gut, dass eine Kreative wohl irgendwie immer und automatisch kreativ ist. Selbst im Schlaf oder sogar mit 100 % Mega-Aufregung auf dem Nachtcafé-Sofa. Ich bin selbst ganz gerührt, als ich meine Worte höre. Rüdi schaut auch schon völlig entzückt zu mir rüber. Meine sogleich erstellte Analyse besagt: keine Blamage! Vieles wollte ich jedoch anders sagen. Einiges habe ich wiederum total vergessen. Und ein bisschen mehr Lockerheit wäre auch klasse gewesen. Ich, der Spaßvogel in Person. Reiße sonst mit meinem Humor grundsätzlich jeden mit. Genau dieselbe Person sitzt nun langweilig wie eine Schlaftablette auf diesem Sofa. Als sei ihr plötzlich der ganze Schalk abhandengekommen. So gesehen, habe ich eine Menge Klärungsbedarf, den Mein Mundwerk schließt sich nach 50 Minuten, denn ich bin jetzt sehr müde.

Nach so viel Aufregung, Herzklopfen und Sauerstoffmangel fallen wir wie Steine ins Bett. Ach was, ganze Felsbrocken lassen sich im Bett nieder, die kurz danach bereits tief und fest schlummern. Gut für uns, um neue Kräfte zu sammeln. Die werden wir auch brauchen, denn Rüdi wird bald schon die physikalischen Gesetze in unserem Wohnzimmer austricksen austricksen. Und das ist echt anstrengend. Vor allem für mich …

Was da genau passiert sowie die SWR-Nachtcafè-Geschichte in voller Länge – beides findet sich in meinem Buch „Sauerkraut & Peperoni“.

 

 

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