Wenn du unterwegs bist und einen Mann mit Fotoapparat dabei hast, kann der Stadtbummel länger dauern. Zumindest wenn er Rüdi heißt. An jeder Ecke bleibt er stehen und sieht irgendwas, das aus einer bestimmten Perspektive Kunst für ihn darstellt: ein zusammengeknülltes Papier auf dem Kopfsteinpflaster oder auch eine leere Bierflasche an der Hauswand. Dazu legt er sich manchmal mitten auf die Straße, weil Froschperspektive für diese Art der Kunst ein Muss ist. Wie neulich, als irgendein Auto seine Radkappe verloren hat, die ihre letzte Ruhe direkt neben einem Gullideckel fand. In solchen Fällen muss ich grundsätzlich Schmiere stehen, um vorbeilaufende Fußgänger oder vorbeifahrende Autos kurzzeitig am Weiterkommen zu stoppen. Kunst ist Kunst. Die meisten verstehen das.

Lässt sich weit und breit kein interessantes Kunstobjekt mehr auf der Straße erblicken, muss ich herhalten. „Leg dich mal dahin“, bittet er mich. Da wir gerade wieder durch die Innenstadt von Schwäbisch Hall bummeln, fühle ich mich erst gar nicht angesprochen. Würdest du auch nicht, da „auf der Straße liegen“ nicht so das übliche Prozedere bei einem Stadtbummel ist. Es sei denn, man heißt Rüdi und hat eine Vorliebe für diese komische Froschperspektive. Als normaler Mitbürger wiederum liegt man nicht auf einer Straße, man läuft über sie hinweg. Alle Menschen machen das so. Außer ich. Ich muss das tun, Rüdi will unbedingt, daher falle ich auch auf – an diesem besagten Sonntag, als ich die so genannte Liegeblockade in Schwäbisch Hall einführe.

Der Gedanke, dass wir uns in der Fußgängerzone befinden, beruhigt mich zum Teil. Die wenigen Autos, die hier fahren, tun das zumindest in Schrittgeschwindigkeit. Meine Handtasche dient als bequemer Untergrund für meine Arme, die ich lässig darauf lege. Jedenfalls so lässig wie möglich in Anbetracht dieses Irrsinns. Als wäre das nicht schon genug des unüblichen Tuns, wirft sich nun auch mein Fotograf in Position – in Froschperspektive-Position. Im Abstand von um die 6 Meter liegen nun also zwei Menschen auf der Straße herum. Der Fotograf verhält sich dabei auffällig und gibt mir sehr laute Anweisungen. So laut, als trennten uns 100 Meter statt nur 6. Damit müsste auch der letzte Bürger im Umkreis dieser Zone mitgekriegt haben, was derzeit hier stattfindet.

Ich will ja nicht meckern. Aber wenn wenigstens ein gescheites Bild dabei herausgekommen wäre. Aber nein! Die Bierflasche und sogar das zusammengeknüllte Papier wirken hundertmal spektakulärer als ich. Das muss an der Straße liegen. Sie steht mir einfach nicht.

 

 

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