Ein bisschen "Leben üben"

Ein bisschen “Leben üben”

Mit nackten Füßen durch warmen Südseesand laufen. Auf ein Rockkonzert gehen und in jeder Zelle die Bässe vibrieren fühlen. Oder mit Freunden das Berliner Nachtleben entdecken. Das ist Leben! Ich kenne nichts von alledem und bin ja schon ganz aufgeregt, wenn ich statt in meinem sonst üblichen Lebensmittelgeschäft in dem am anderen Ende der Stadt einkaufen soll. Daher falle ich fast in Ohnmacht, als ich erfahre, dass ich nach Düsseldorf ins TV eingeladen bin.

Darf ich vorstellen: mein Schneckenhaus, mein home und castle. Hier ist es wohlig, aber ein bissel eng, verglichen damit, wie groß diese Welt im Ganzen ist. Ich halte es trotz aller Verlockungen für sicherer, meine Nase nicht allzu weit aus dem Schneckenhaus zu stecken. Liegt daran, dass ich es so gewohnt bin wegen der Angst. Die will mir seit Teenie-Alter verklickern, dass alles außerhalb meiner Wohnung megagefährlich ist. Dabei ist das ja nur meine Seele, die mit dem Zaunpfahl winkt, um mir was klarzumachen. Ich verstehe das Winken nicht, daher legt sie meinen Körper lahm. Ich kapier immer noch nicht – also winkt sie weiter und immer vehementer, bis mit Ende Vierzig endlich der Groschen fällt. Viel Zeit also, die ich gepeinigt in meinem Schneckenhaus hocke und mich in Angstgedanken und seltsamen Gewohnheiten perfekt konditioniere.

Jedenfalls kriege ich einen Anruf. Ein gewöhnlicher Nachmittag Anfang Mai. Ich sitze in meinem Homeoffice, als das Telefon klingelt und die „Leben-üben-Bombe“ platzt. Ich soll nach Düsseldorf kommen und als Expertin zum Thema Ghostwriting sprechen. Ich?! Herr Blödmann (innerer Kritiker) lacht schallend: „Nie und nimmer. Schaffst du eh nicht!“ Hinten links in einer dunklen Ecke meiner Seele meldet sich mit leisem Stimmchen die Abenteurerin in mir zu Wort: „Wäre aber schon spannend, dort in Düsseldorf im TV-Studio!“ Ach, dich gibt’s also auch noch? Nett, von dir mal wieder was zu hören.

„Ausgeschlossen schafft die nicht. Ich sag nur Schmerzschub, Erschöpfung, Blase, Übelkeit!“, wettert Blödmann und fährt gleich mal ganz dick auf. Bisher hat er mit seinen Horrorszenarien immer gewonnen, was mich dazu veranlasste, mich weiter brav im Schneckenhaus zu verstecken.

„Halt die Klappe!“, schreie ich zurück und sage zu.

Vorkehrungen treffen

Ich bin sehr aufgeregt. Habe ich wirklich zugesagt? Da kommt jetzt doch etwas Panik auf, über die sich Blödmann mächtig freut. Wäre da nicht meine strategische Kreativität, mit der ich ihn und diesen ersten Panikschub austrickse. Dank meiner Schnell-Organisier-Qualitäten sind nach nicht mal 3 Stunden folgende Vorkehrungen getroffen, die mich einigermaßen zuversichtlich stimmen:

  1. Einen Chauffeur angeheuert, der gleichzeitig Fotograf und mein Ehemann ist. Eine sehr praktische Mischung für Angelegenheiten wie diese.
  2. Eine Ferienwohnung gemietet in der Nähe des Studios. Hotels sind nicht mein Ding, ich brauche Kühlschrank und Herd jederzeit griffbereit.
  3. Anreise einen Tag vorher (zum Akklimatisieren), Abreise am Morgen nach Aufzeichnen (zum ausreichenden Erholen nach dem TV-Abenteuer)
  4. So ziemlich alles mitschleppen, was ich fernab des Schneckenhauses unbedingt brauche, um mich sicher zu fühlen
  5. Abreise in Allerherrgottsfrühe wegen dem Freitagsstau

Wartezeit überbrücken

Zwei Wochen bis zum Countdown. Ich komme mir vor wie Rocky. Jeden Tag mentales Vorbereitungstraining bis zum Umfallen. Mein Gegner: Blödmann, der ganz sicher nicht als Verlierer aus diesem Kampf herausgehen will. Daher versucht er mich während dieser Wartezeit mit vielen Dingen in die Knie zu zwingen. Meine Coachin, dem Rüdi und meiner Willenskraft sei Dank – der Hund kriegt mich dieses Mal nicht klein. Ich trainiere wie eine Verrückte und halte den Manipulationen des inneren Kritikers Stand, wenngleich das sehr viel Kraft kostet. Aber wer sagt denn, dass so ein Trainingslager ein Spaziergang wird.

Ein bisschen "Leben üben"

Ein Kleinkind allein in China

Freitagfrüh, wir sitzen tatsächlich im Auto und fahren Düsseldorf entgegen. Während für andere 50 Kilometer Wegstrecke auf der Autobahn tägliche Normalität sind, komme ich mir vor wie ein Kleinkind, das allein mitten durch China irrt. Ziemlich verloren und sehr aufgeregt. Dabei sitzt ja mein Chauffeur neben mir, der mich in seiner bekannten Ruhe durch die Welt leitet.

Wir nähern uns Köln und die Autobahn ändert sich von ländlich gemütlich in Richtung Großstadtchaos. Viele Spuren, viele Autobahnkreuze und noch mehr Autos. Mein Adrenalin am Anschlag, und dann nimmt Rüdi auch noch die falsche Abfahrt, puh.

Mit leichter Adrenalin-Überdosis kommen wir an unserer Ferienwohnung in Düsseldorf an. Juhu geschafft! Ich bin stolz wie Bolle, aber auch völlig erschöpft von diesem „Leben üben“, was sich den Rest des Tages nicht mehr ändern wird. Womit deutlich wird, warum die Anreise einen Tag vorher äußerst clever war.

Kleiner SOS-Notfall

Samstagfrüh, 7 Uhr. Ich sende eine SOS-Nachricht per Handy an meine Coachin, die mich seit einem Jahr wunderbar unterstützt. Ich kriege meine Anspannung einfach nicht in den Griff und fühle mich, als würde ich in einem Wespennest sitzen. In einem spontanen Telefon-Coaching weiß sie sofort, was zu tun ist. Rockymäßig renne ich eine Stunde lang in der Ferienwohnung umher, werfe die Arme in die Höhe und rufe: „Ich schaff das!“ Hilft bombig, auch wenn ich mir dabei sehr doof vorkomme. Es bringt mich von negativer in eine positive Gefühlslage.

Leben üben – so langsam wird’s schön

Erstaunlich gelassen brechen wir gegen Mittag in Richtung TV-Studio auf. Also ich, denn der Rüdi ist ja immer die Gelassenheit in Person. Dort angekommen, fühlt sich „Leben üben“ sauschön an, sogar im fremden Düsseldorf – weit weg von meinem Schneckenhaus. Vor der Aufzeichnung, währenddessen und auch danach: null Angst. Ich vergesse total, dass ich je welche hatte. Und auch, juhu, keine Symptome in Sicht, nur ein bisschen Kopfweh, dass entgegen meiner sonstigen Schmerzattacken aber sehr gut auszuhalten ist.

Ein bisschen "Leben üben"

Das lässt mich hoffen, Leben noch öfter mutig zu üben. So lange, bis ich dann mal lebe. Wird mit 50 auch wirklich Zeit. „Wenn nicht gerade wieder Schmerzen, Magenprobleme, Erschöpfung, ständiges Pipimachen dazwischenkommen!“ Tz, er mal wieder. Er muss aber auch immer das letzte Wort haben, dieser innere Kritiker.

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