Von der promovierten Germanistin zur Hochschuldozentin und Forscherin, danach Geschäftsführerin des Kuratorium deutsche Bestattungskultur und parallel Chefredakteurin – inzwischen Coach, Autorin, Speakerin und Filmemacherin. Was auch immer Kerstin Gernig anpackt, wird ein Knaller-Erfolg. Das hat seine Gründe, die du im weiteren Verlauf des Artikels erfährst.

Außerdem reist sie liebend gerne kreuz und quer auf der ganzen Welt umher: beispielsweise allein mit dem Fahrrad von Tempel zu Tempel in Japan oder auch eine Woche lang (fast) ohne alles in der Wüste Sinai. Richtig aufregend sei es aber wohl bei den Ureinwohnern auf Trunyan (Bali) gewesen, wie sie mir erzählt. Spätestens zu dem Zeitpunkt des Interviews wird mir klar:

Kerstin ist das personifizierte Abenteuer!

Warum sie konsequent Dinge loslässt, dabei auf Sicherheiten oder Annehmlichkeiten pfeift und lieber Neues wagt – dem kommen wir im Interview auf die Spur. So viel vorweg: Es hat mit der simplen Frage zu tun „Was will ich wirklich im Leben?“.

 

Autonom, eigenwillig, ideenreich

Das Jahr 1967, Kerstin ist knapp drei Jahre alt, weiß aber schon da sehr genau, was sie will. Als sie wieder mal von Mama gefüttert wird, nimmt sie ihr entschieden den Löffel aus der Hand „Ich esse jetzt selbst!“. Damit ist klar, dass sie ihren Weg machen wird: eigenwillig und querdenkend, mutig und unkonventionell.

Viele Jahre später: Ihre Eltern nehmen es recht gefasst auf, als Kerstin ihnen nach einem sehr langen Studium kurz vor der Verbeamtung zur Studienrätin die Nachricht übermittelt: „Papa, sitzt du? Ich geh wieder raus aus dem Schuldienst und nach Straßburg. Ich habe dort eine Dozentenstelle an der Université des Sciences Humaines angenommen.“

Auch wenn das nicht ganz den Vorstellungen ihrer Eltern entspricht, so hat Kerstin stets eines von ihnen vermittelt bekommen: sich jederzeit nach eigenen Wünschen frei entfalten und entwickeln zu können. Oder simpel ausgedrückt, wird sie von ihnen einfach ihrer selbst willen geliebt – ohne dies an irgendwelche eigenen Erwartungen zu knüpfen. Das lässt Urvertrauen in einem Menschen reifen. Kerstin hat davon eine Riesen-Portion abbekommen.

 

Mut als Gegenspieler der Angst

© Matthias Kindler

Kerstins Eltern merken recht früh, dass dieses Kind nicht zu bremsen ist. Also soll sie machen, was sie selbst für richtig hält.

Während des Studiums einen begehrten Stipendiumsplatz an einer Elite-Universität in Paris zu ergattern und das Staatsexamen mit Bestnote abzuschließen – da kann man sich als Eltern in der Tat beruhigt zurücklehnen und vertrauen, dass die Tochter bestens im Leben zurechtkommt.

Im Moment unseres Interviews kann ich mir kaum vorstellen, dass die powervolle Macherpersönlichkeit Kerstin je Angst haben könnte. Hat sie aber! Wie jeder andere Mensch auch.

Doch anstatt sich von der Angst leiten zu lassen, geht sie trotzdem mutig voran. Immer geradeaus, auf direktem Weg mitten hindurch. Und da sie sich grundsätzlich mit voller Energie in jedes Vorhaben stürzt, vergrößert sich der Mut dadurch automatisch. Wie ein Schneeball, den du als kleine Kugel den Hang herunterrollen lässt. Mit jedem Meter wächst er im Umfang und irgendwann ist aus ihm eine riesige Kugel geworden. Was das für die Angst bedeutet, kannst du dir denken: In dem Fall verduftet sie lieber.

 

Kerstin on the road

Bei diesem Thema komme ich kaum hinterher mit meinen Interview-Notizen. Es ist völlig unmöglich, Kerstins unzählige Auslandsabenteuer alle aufzuschreiben – jedes davon ein bisschen verrückt. Ihr Aufenthalt in den USA ist davon fast eine der „harmlosen“ Geschichten, auch wenn ich sie persönlich ziemlich abenteuerlich finde.

Die Kurzfassung dessen: Nach geraumer Zeit in Straßburg findet ihr damaliger Mann, dass es nun doch an der Zeit sei, wieder zurückzukehren zu ihm und in die Heimat. „Einverstanden! Jedoch unter einer Bedingung: Wir suchen uns irgendwo im Ausland eine neue Wirkungsstätte – gemeinsam!“

Als Ziel steht bald schon die USA fest. Okay, ihre Englischkenntnisse sind nach 5 Jahren in Frankreich etwas eingerostet. Das hält sie jedoch nicht davon ab, Dozentin am Goethe-Institut in Boston zu werden. Ein kleiner Englisch-Auffrischungskurs bringt ihr Englisch wieder in Top-Form und nebenbei schließt sie noch schnell ihre Doktorarbeit mit Summa cum laude ab.

Willkommen, Dr. Kerstin Gernig in den Vereinigten Staaten!

Eine Professur wäre nun nicht schlecht, denkt sie sich. Also lehrt, forscht und publiziert sie – bis sie eines Tages zu einer Tagung als Rednerin geladen ist. Sie referiert über die Totengräberweise von Franz Schubert. Einigermaßen exotisch, doch gerade solche exotischen Dinge liebt Kerstin. Die nächste Kehrtwendung kündigt sich unaufhaltsam an …

 

Eine promovierte Germanistin auf dem Weg in die Bestattungsbranche

© Jörg Drescher

Am Abend der Tagung Smalltalk wie üblich. Ein Herr fragt sie beim Abschied: „Haben Sie vielleicht Lust, meine Kollegin zu werden?“

Viele Fragezeichen in Kerstins Kopf. Wer ist das überhaupt? Und da sie nicht auf den Mund gefallen ist, fragt sie ihn genau das. Dabei stellt sich heraus, dass sie gerade mit dem Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter spricht.

Zuerst findet Kerstin das lustig, danach irgendwie spannend. Und so übersendet sie dem Herrn einige Tage später ihren Lebenslauf. Kurz danach wird sie nach Düsseldorf zum Gespräch eingeladen. Das Angebot: Sie soll Geschäftsführerin des Kuratorium deutsche Bestattungskultur werden.

Kerstin unterhält sich darüber mit einer ihrer besten Freundinnen. Beide sind da gerade auf dem Weg in die Sauna. Ihre Freundhin hat dazu nur einen Kommentar: „Das ist kein Zufall! Seit ich dich kenne, beschäftigst du dich mit dem Thema Sterben und Tod. Es musste so kommen!“

„Wo sie Recht hat, hat sie Recht“, denkt sich Kerstin, und kehrt der Uni-Karriere den Rücken – kurz vor Abschluss der Habilitation. Es fühlt sich einfach richtig an.

 

On the road again – bei Mumien und Ureinwohnern

Zu ihrem neuen Aufgabenbereich gehört unter anderem, einen Fachverlag aus dem Boden zu stampfen – mit Ratgebern, Kulturgeschichten sowie einer Verbandszeitschrift. „Gib mir irgendwas, das ich gestalten kann, und ich bin glücklich und vergesse Zeit und Raum“, sagt sie mir dazu.

Das tut sie dann auch! Sie fotografiert, lektoriert, schreibt, organisiert und reist. Schließlich will ja genau recherchiert werden, wie das mit der Bestattungskultur in der ganzen Welt vor sich geht.

Unter anderem verbringt sie dazu Stunden allein bei Mumien in den Katakomben von Palermo oder nimmt an hinduistischen Bestattungszeremonien bei den Verbrennungs-Ghats in Indien teil. Am abgefahrensten ist aber immer noch die Reise zu den Ureinwohnern einer kleinen Insel auf Bali. Keiner traut sich dorthin, Kerstin schon!

 

Nach 10 Jahren kreativen Wirkens die Frage: und jetzt?

© Matthias Baumbach

Ein Jahrzehnt lang tobt Kerstin sich begeistert aus. Doch dann ist alles gemacht, was sie machen kann, die Neugier befriedigt. Sie sieht keine Herausforderung mehr, die sie da noch reizen könnte, also kündigt sie. Zu dem Zeitpunkt ist sie 48 Jahre alt.

Was jetzt? Noch mal eine neue Anstellung? Dazu hat sie keine Lust. „Okay, ich mache mich selbstständig“, so die logische Schlussfolgerung und Entscheidung. Da es dazu in erster Linie eine Spitzen-Positionierung braucht, erarbeitet sie sich diese ganz Kerstin-like auf höchst ungewöhnliche Weise: Sie schreibt einen Bestseller, was sie zu dem Zeitpunkt jedoch noch nicht wissen kann.

Für die Recherche und den Schreibprozess ist sie zwei Jahre erneut in der Welt unterwegs – von Berlin bis nach Sri Lanka. Sie interviewt außergewöhnliche UnternehmerInnen.

Ihre Gedanken nebst Plan: „Es muss ja wohl noch mehr Menschen geben, denen es ging, wie es mir jetzt geht. Die in der Lebensmitte stehen, sich als Quereinsteiger selbstständig machen wollen und dazu ein innovatives, kreatives Geschäftsmodell entwickeln müssen. Die will ich finden und hinter deren Erfolgs-Geheimnis kommen!“

Ergebnis des Vorhabens: Sie lernt 21 beeindruckende Menschen und deren Erfolgsstrategien kennen. Aus der Essenz der Interviews schreibt sie ihr Buch und schafft sich zudem die Basis für das eigene Businessmodell, für das sie 2014 als Vorbildunternehmerin Deutschlands des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ausgezeichnet wird. Ihr Buch „Werde, was du kannst! Wie man ein ungewöhnlicher Unternehmer wird“, erhält eine Nominierung für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

 

Ja, aber …?

© Dieter Düvelmeyer

Zwei Wörter, die es im Sprachschatz von Kerstin nicht gibt, sondern wenn, dann ein „Ja, und …?!“ Genau das gibt sie den Menschen auch bei ihren Coachings weiter oder wenn sie als Keynote Speakerin auf der Bühne steht.

2019 stellt sie das Schicksal dann auf eine harte Probe. „Ja, und …?“ zu sagen, Lösungen zu finden, aus einer Situation das Beste zu machen, erhält für sie eine praktische (herausfordernde) Bedeutung. Ihr Urvertrauen wird zutiefst erschüttert, als ihr Mann sie nach 33 Jahren Ehe völlig überraschend für eine andere verlässt. Im selben Jahr stirbt ihre Mutter. Beides versetzt sie in einen Schockzustand, doch Rituale helfen ihr, mit der Situation umzugehen.

Unter anderem funktioniert sie ein bereits seit langer Zeit geplantes Sommerfest mit ihrem damaligen Mann und Freunden zu einem Abschiedsfest um. Rituale haben eine große Kraft und tun gut. Und warum nur die Hochzeit feiern, Abschiede brauchen ebenso rituelle Feste, also gestaltet sie diese auf ihre Weise. Und dann wäre da ja noch die Sache mit der Wüste …

 

Mit dem Klangkünstler durch die Wüste Sinai

© privat

Eigentlich will sie ja „nur“ ein Klanginstrument kaufen und findet sich am Ende in der Wüste wieder. Bei ihrer Recherche, wer solche Klanginstrumente baut, stößt sie zufällig auf einen Klangkünstler. Sein Angebot mit der Wüstenreise fasziniert sie sofort sehr viel mehr, als zu Hause selbst auf einem gekauften Instrument zu spielen.

Also bucht sie die Reise – im Gepäck nur ihre Kameraausrüstung und sonst fast nichts. Schlafen auf blankem Wüstensand, ohne Isomatte oder Zelt. Dabei Schweigen, den Klängen lauschen und über das eigene Leben als Single-Frau nachdenken.

Von diesem Erlebnis und ihrem Umgang mit Niederlagen erzählt sie auch bei der Fuckup-Night – einem Event, bei dem es um das Thema Scheitern geht. Die Menschen kleben erst an ihren Lippen. Da Kerstin jedoch die Gabe hat, aus jedem Scheitern recht erfolgreich das Beste zu machen, sprengt sie damit den Rahmen der Veranstaltung. „Aufhören“, rufen ihr die Veranstalter zu. Für deren Konzept ist Kerstin im Scheitern einfach schon wieder zu erfolgreich, als dass es in die Veranstaltung passen würde. Dabei ist es doch genau das, was Menschen wirklich inspiriert.

Am Ende des Interviews frage ich Kerstin nach ihrem Herzenswunsch. Der kommt wie aus der Pistole geschossen: „Eine eigene Fernsehsendung mit ungewöhnlichen Unternehmerinnen und Unternehmern“. So weit ist sie von diesem Ziel vermutlich nicht mehr entfernt. Denn inzwischen dreht sie über solche Menschen Filme.

 

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