„Rüdi, ich bin im Workshop. Vermutlich halte ich das aber nicht lange durch!“, sage ich am späten Abend noch zu meinem Mann, als ich tapfer ins Büro marschiere. Und so kommt es dann auch. Ist ja schon recht mutig, wenn du dir als gestandene Autorin von einem Marketer erzählen lässt, wie du schnell und easy ein Buch schreiben kannst.

„Uli, halte durch“, feuere ich mich selbst an und knabbere an ein paar Cashewkernen. Nervennahrung fürs Hirn, und die brauche ich jetzt wirklich. Das Prinzip des Herrn Marketer ist verkürzt in etwa so zu beschreiben: „Du hast zwar keine Ahnung vom Schreiben, macht nix! Wenn du es so und so machst, wird trotzdem ein Buch draus und mit unseren Strategien verdienst du damit dann 6-stellig, yippiieee!“ Pro Monat natürlich, was auch sonst.

Nach 15 Minuten und trotz meiner Nervennahrung muss ich abschalten.

„Schon wieder da?“, fragt Rüdi, als ich ihm Wohnzimmer aufschlage.

Ja, bin ich und damit verpasse ich leider meine Hausaufgaben, die ich bis zum nächsten Tag machen soll. Daher kriege ich am nächsten Tag auch zwei Stunden vor Start der zweiten Session einen Anruf von einem (haha) Coach des Marketer-Teams.

„Du hast deine Übung noch nicht abgegeben. Machst du die bitte noch?“

Huch?! Schule 4. Klasse oder wo bin ich da gelandet? Sorry, aber der Junge klang deutlich nach aufmüpfigem Teenie und wenn das jetzt die Coaches von heute sein sollen, au Backe! Null Empathie, null rhetorische Fähigkeiten, null Ahnung.

Tag 3: keine Anrufe bis jetzt und ich bin sehr tapfer. Denn ich will mein Studium heute Abend fortsetzen. Ich muss verrückt sein.

155 Menschen sitzen mit mir bei Zoom und ich tanze mal wieder aus der Reihe.

„Hey, macht ihr mal alle eure Kamera an!“, ruft Herr Marketer und meint damit bestimmt mich. Denn ich bin so ziemlich die Einzige, die ohne Live-Bild anwesend ist. Dann geht’s los. Auf mich wartet damit der Tag der Tage, an dem ich ein unwiderstehliches Angebot bekommen werde. Davon weiß ich zu Anfang natürlich noch nix.

Er erzählt uns sämtliche Tricks seiner Buchvermarktung. Die Leute kleben formlich an seinen Lippen und das liegt daran, dass er im Gegensatz zu seinem komischen Teenie-Coach die Psychologie der Manipulation bestens beherrscht. Auch noch so meisterlich, dass die meisten Anwesenden das nicht merken.

Das Blöde an der Sache, und das ist exakt so gewollt: Lass dir als Laie von einem Herzchirurgen gern mal alle Tricks verraten, wie er ein komplizierte Herz-OP durchführt. Bist du danach in der Lage, das auch zu können? Ne! Den Teilnehmern dämmert so langsam, dass es ihnen mit diesem verdammten Buchschreiben sowie der anschließenden Vermarktung auch so gehen wird. Der Chat quillt über vor Fragen. Herr Marketer beantwortet so gut wie keine davon. Logisch, das unwiderstehliche Angebot steht ja auch kurz bevor.

Dafür schwenkt er kurz weg von den Fakten und lullt die Leute mit tollen Zielen ein. Wir sollen uns unsere Heldenziele notieren und uns darin so richtig herumsuhlen. Der Chat quillt erneut über. Dieses Mal emotional mit den Träumen der Leute. Die Tschakka-Stimmung hält exakt zwei Minuten an, dann platzen die Träumchen – eines nach dem anderen.

„Unsere Jahresbegleitung, blabla, kostet normal soundso viel.“ Es handelt sich hierbei um einen schwindelerregenden 5-stelligen Betrag.

„Aber was ist das schon, wenn du im Anschluss daran 6-stellig pro Monat verdienst“, findet Herr Marketer.

„Oh man, ich hab das Geld aber nicht!“, hallen die verzweifelten Chatnachrichten durch Zoom. Die gedrückte Stimmung ist dermaßen fühlbar, dass es für mich kaum auszuhalten ist.

„Aber … Corona und so. Ja, wir wissen, da geht’s euch allen finanziell ja vermutlich auch nicht so dolle. Daher, okay, ihr kriegt es für soundsoviel!“, erzählt er munter weiter. Betrag immer noch relativ hoch 5-stellig.

„Verdammt, ich kann mir das trotzdem nicht leisten!“, prasseln weitere Chatnachrichten auf Herrn Online-Marketer ein. Das interessiert ihn mal gar nicht. Zack, schwenkt er um, bricht an der Stelle thematisch ab und macht mit irgendwelchen Fakten weiter.

Sorry, Herr Marketer, aber damit bist du für mich echt kein Held. Die Leute mir ihren Träumen in einen Workshop zu locken, von dem du genau weißt, dass Laien die Infos sowieso nicht umsetzen können. Die Träume dann vorsätzlich mit Hilfe von Manipulationstechniken platzen zu lassen – damit am Ende vielleicht 3 oder 5 Buchungen für dein Jahres-Coaching bei rauskommen.

Finde ich persönlich sehr grenzwertig. Aber für Geld macht ja bekanntlich so mancher alles.