Heike ist Sexberaterin, und das kam selbst für sie überraschend. Da musste sie erst einen Wadenbeinbruch erleiden, eine erfolgreiche Veranstaltungsagentur ad acta legen und 58 Jahre alt werden, um zu diesem Beruf zu gelangen. Und das ist gut so, denn Sex macht sowieso mehr Spaß als Preisdumping und Respektlosigkeit in der Veranstaltungsbranche.

Klartext ist für sie zweite Muttersprache und die verwendet sie besonders gern, wenn es um das Thema Sex geht. Ü50 sowieso so ein Ding. Mag ja keiner drüben reden, ob er bzw. sie nun besonders viel Lust hat, auf was genau oder eben gar nicht. Und dann war ja noch die Sache mit dem Orgasmuswahn, der ihr ganz besonders auf die Nerven geht. Warum genau und viele andere spannende Dinge mehr entlockte ich Heike Niemeier in unserem Interview …

 

Da hast du als Frau Kinder großgezogen, Haushalt und nebenbei noch deinen Job geschmissen. Spätestens, wenn die Kids aus dem Haus sind, stellen viele Frauen dann fest: Oh, da war ja noch was …

Sex, Sinnlichkeit und Co. Aber nicht so mal nebenbei als Pflichterfüllung. Sondern als Bombeneinschlag an Gefühls- und Körperrauschen oder auch „Life Changing Sex“ genannt.

Und das wird nicht über einen hereinbrechen, wenn sich die Kommunikation in der Partnerschaft schwerpunktmäßig um das Sockenwaschen dreht. Das Mitteilen von Bedürfnissen und Klartext zu reden, sind da ein recht guter Anfang. Das gilt für Frauen übrigens genauso wie für Männer.

Heike selbst hatte dieses nie da gewesene erotische Erlebnis erst Ü50. Ein dreifaches Bääm und Galaxien entfernt davon, was sie hier bisher erlebte. Kein Wunder, dass sie danach mehr davon haben wollte, also ging sie auf Entdeckungsreise.

Wenn du dieses Dreifachsalto-Bääm (als Mann oder Frau!) noch nicht kennst – es ist nie zu spät. Ob mit 30 oder 70, es kann jederzeit über dich hereinbrechen. Außer oben erwähnter offener Klartext-Kommunikation ist laut Heike jedoch auch ein weiterer Punkt entscheidend wichtig.

Bevor ich näher darauf eingehe, erst noch mal einen kurzen Sprung zurück. Wie kam es eigentlich, dass sie mit 58 Jahren Sexberaterin wurde? Ein bisschen verrückt ist die Geschichte ja schon …

 

„Wo fühlen Sie sich am wohlsten?“ – „Beim Sex!“: Heike und das Positionierungs-Coaching

Mutig ist sie ja schon. Denn nicht jede(r) würde seine gut gehende Veranstaltungsagentur aufgeben, ohne in dem Moment eine Alternative zu haben – geschweige denn eine Ahnung, in welcher Richtung es beruflich weitergehen soll. Eines Sonntagmorgens: Die ersten Sonnenstrahlen blinzeln durchs Fenster. Heike sitzt im Bettchen und weint. Sie kann gar nicht mehr aufhören damit. So geht’s nicht weiter, das ist klar. Durch ihren Wadenbeinbruch hatte sie viel Zeit zum Nachdenken in den letzten Tagen und Wochen.

Ihr Resümee: „Kunden, die immer respektloser wurden plus unsägliches Preisdumping, das jeglichen Spaß an der Arbeit raubte. Will ich das weiterhin? Nö!“

Zack, Entscheidung getroffen, und das recht konsequent. „Ich hör auf!“ Da kennt Heike nichts. Danach genießt sie erst mal einen Monat lang das Leben: am hellen Nachmittag auf dem Sofa sitzen, Chips naschen und Serien schauen. In Cafès einen prickelnden Prosecco am Gaumen kitzeln lassen usw. Bei alledem stellt sie fest:

Wow, wie geil das Leben doch außerhalb des Hamsterrads sein kann.

Angst vor der Zukunft? Nein, die hat sie immer noch nicht. Sie sagt sich: „Das Schlimmste, was mir jetzt passieren kann, ist Hartz IV zu beantragen und in eine WG umsiedeln zu müssen. Da ich aber ja ein pfiffiges Wesen bin, zudem ein paar Rücklagen habe und tolle Freunde, wird es schon gut weitergehen für mich.“ Bis sie dann eines Tages in diesem Positionierungs-Coaching sitzt …

Viele Fragen nach einem bestimmten System sollen klären, wozu Heike berufen ist. Eine der Fragen: „Wo fühlen Sie sich am wohlsten?“, beantwortet sie wahrheitsgemäß „Beim Sex!“. Das gemeinsam mit ihrer offenen, kommunikativen Art, ihrem empathischen Wesen und dem Klartext-Reden bringt am Ende des Coachings folgendes Ergebnis ans Licht:

 

„Heike, Sie sind die ideale Sexberaterin!“

 

Erste Reaktion: lautes Lachen. Danach: mal eine Woche gären lassen und drüber nachdenken. Am Ende: Warum eigentlich nicht? Die Mediatoren- und Auditoren-Ausbildung hat sie ja schon in der Tasche. Noch eine zur Sexualberaterin dran gehängt und los geht‘s.

 

Das eigene Körperbewusstsein hinterfragen und neu entdecken

 

Heikes Rat: Damit dieses Bääm überhaupt passieren kann, darfst du dein eigenes Körperbewusstsein neu entdecken gehen. Ü50 stecken wir oft zu sehr in falschen Rollenbildern fest, die hinterfragt werden sollten. Und im Prinzip ist alles, was sich da an heimlichen erotischen Sehnsüchten in jedem von uns abspielt, total okay: vom Blümchensex bis zum Swinger-Club – so lange es den rechtlichen Rahmen nicht verlässt. Wichtig dabei nur: Alle Beteiligten müssen mit allem einverstanden sein, was passiert. Und da fängt das Drama meist schon an. Keiner traut sich, offen darüber zu reden. Wie beispielsweise eine Frau, die ein knappes Jahr keinerlei Bedürfnis mehr nach Sex hatte. Als sich dieser Tatbestand wieder ändert, ist sie maßlos enttäuscht, weil ihr Ehemann das nicht von selbst merkt. Auf die Idee, ihm das vielleicht mal mitzuteilen, kommt sie gar nicht. Bis Heike ihr den Rat gibt, ihm doch eine erotische SMS zu senden. Die kapierte er sofort. Der Rest der Geschichte: ein erotisches Happyend zwischen den beiden.

Außer Kommunikation ebenso wichtig:
Du solltest dich selbst voll und ganz kennen lernen

„Ich kenne mich doch“, lautet hier meist die empörte Antwort. Heikes reicher Erfahrungsschatz sagt etwas anderes. Ihre Haltung dazu: Gehe selbst auf erotische Entdeckungsreise und finde heraus, was dir Spaß macht. Woher soll dein Partner das denn wissen, wenn du es noch nicht mal weißt? Seinen Körper dabei anzunehmen, ohne an absurden medialen Schönheitsidealen zu verzweifeln, wäre ebenso prima. Alles andere ist die reinste Erotikbremse.

Heike geht in der Sache mutig voran. Als vor kurzer Zeit für ein spannendes Projekt Frauen gesucht wurden, die sich oben ohne ablichten lassen, bewarb sie sich keck. Und sie wurde angenommen! Da stand sie dann beim Shooting unter lauter 20 – 30-Jährigen Na, und? Viel wichtiger als das war ihr die Intention des Projekts: die Busen-Diversität und deren Schönheit zu zeigen.

Als ich sie nebenbei frage, mit welchen zwei, drei Worten sich ihre Botschaft wohl am besten beschreiben ließe, antwortet sie (klar, wie immer): mehr Genuss, mehr Leichtigkeit! Das liefert mir das perfekte Stichwort, um zum finalen Thema dieser Geschichte überzuleiten:

 

Stichwort Orgasmuswahn und warum dies Frauen wie Männer gleichermaßen unter Druck setzt

 

Männer machen sich Vorwürfe, wenn es bei der Frau nicht klappt und geben alles. Frauen machen sich ebenso Vorwürfe – und irgendwann artet die Sache in einen Wettkampf aus (oder auch in ein Glücksspiel). Jeder der Beteiligten lauert auf seinem Posten und arbeitet strikt auf das Ergebnis hin. Und wenn es ausbleibt, ist Trauerstimmung angesagt.

„Ja Herrschaftszeiten, sind wir denn im Trainingslager?“, würde Heike da am liebsten rufen, denn nichts nervt sie mehr, als die ständige Thematisierung dieses einen Dingens. Würden das alle einfach mal sein lassen und nur genießen, könnte sich das Bääm vielleicht auch einstellen – mit oder ohne Höhepunkt. Denn wirkliche Leidenschaft und Erotik können völlig unabhängig davon sein.

Heike beschließt unser Interview mit einem wunderschönen Zitat, das auch diesem Artikel seinen würdigen, inspirierenden Abschluss gibt: Da, wo ich bin, ist es schön!

 

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Alle Porträts von Heike Niemeier: © Stefan Zeitz

 

 

 

 

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