Sie ist mit sich allein. Mit dem Elend, der Verzweiflung.
Allein, einsam, leer.
Gefangen in diesem Körper.
Der Krankheit.
Der Schwäche.
Lebensenergie fast auf null.
Jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde.
Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat.
Sie will aufstehen, jeder Schritt eine Qual.
Duschen eine Qual.
Existieren eine Qual.

Schwäche. Nichts als Schwäche.
Reduziert auf das Minimum.
Reicht gerade so zum Leben.

Irgendwie.

Sie hat einen weiteren Tag geschafft.
Einer von vielen.
Sie sind endlos in ihrer Qual.
Die Hoffnung schwindet.
Die Kraft schwindet.
Die Einsamkeit wächst.
Die Verzweiflung übermannt sie.
Kampf gegen Windmühlen.

„Das ist dein Kopf“, sagen sie.
Sie weiß, dass das nicht stimmt.
Sie kämpft weiter.
Kämpft und kämpft.
Sie kämpft um Anerkennung, Trost, Liebe.
Sie kämpft für ihre Genesung.
Vielleicht sogar für Heilung?

Sie hat Angst.
Angst, dass es immer so bleibt.
Jede Sekunde, jede Minute, jeden Tag.

„Du denkst zu negativ.“
„Du bist ein Hypochonder.“
„Da ist nichts.“
„Das ist dein Kopf.“
Sagen die anderen.

Sie möchte nur noch schreien.
Doch sie bleibt still.
Es hat keinen Sinn.

Es ist sinnlos. Ergebnislos. Trostlos.
Und sie kämpft weiter.
Mit letzter Kraft.Mit dem, was die Erkrankung noch übrigließ.
Nicht mehr viel. Ein Hauch von Nichts.

Ihr Lebenswille ist immens.
Schon immer.
Er ist ihr Rettungsanker. Ihr Aufpasser. Ihr Bodyguard.
Er rettet sie vor dem letzten Akt der Verzweiflung.
Auf ihn ist Verlass.

Lebenswille ohne Ende.
Aber keine Kraft mehr.

Denken ist anstrengend.
Sprechen ist anstrengend.
Alles ist anstrengend.
Wäsche waschen.
Kochen. Essen.
Wie soll sie das nur schaffen?

Jede Bewegung eine unfassbare Überwindung.
Geschwächt von dieser Krankheit.
Mehr tot als lebendig.

„Jammere nicht. Andere sind viel schlimmer dran.“
Was kann es Schlimmeres geben, als lebendig tot zu sein?

Einsamkeit. Hoffnungslosigkeit. Bedeutungslosigkeit.

Ihr Lebenswille trägt sie nach unten.
Stufe für Stufe. Aus der Wohnung.

Noch fünf Meter bis zum Auto.
Atmen, Kraft sammeln.
In die Natur fahren.
Aussteigen, den Duft des Lebens atmen.

Ein Schritt nach dem anderen.
Zehn sind geschafft.
Zwanzig sind geschafft.
Eine Kraftanstrengung ohne Gleichen.
Aber sie will das Leben spüren.
Draußen, denn in ihr ist es längst verblasst.

Leben, Hoffnung, Liebe, Freude.
Noch ein paar Schritte.
Das Auto in Sichtweite.
Dann kehrt sie um.
Die Kraftreserven sind aufgebraucht.
Hundert Meter fühlen sich an wie ein Marathon.

Wieder zu Hause.
In ihrem Gefängnis.
Tagein, tagaus gefangen.

Bett und Sofa die größten Freunde.
Der Bürostuhl ein Highlight.
Hurra, sie sitzt am Rechner.

Sie lebt.
Zumindest ein bisschen.
So lange, bis sie die Schwäche wieder ins Bett zwingt.
Einsamkeit empfängt sie dort.
Verzweifelte Gedanken. Eine Höllenbrut an Emotionen.
Wieder mal.
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

 

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