Achtung, heute wird’s megagefährlich hier. Rüdi erzählt mir, dass er mich auf der Stelle entfesselt fotografieren will. Das musst du erst mal begreifen, wenn du abends auf dem Sofa eingedöst bist und dein Mann dich plötzlich voller Tatendrang anschaut. „Was für Entfesselungen?“, will ich im Halbschlaf wissen. Es ist kurz nach halb elf. Ich total zerzaust, kleine Augen, Sandmännchen hält sich dort auch schon auf.

Es dauert ein paar Minuten, bis ich blicke, dass Rüdis Blitz ein blitzgescheites Utensil ist. Wenn Rüdi das will, entfesselt der sich quasi, und das soll dann sehr toll für mich werden. So langsam dämmert mir, dass ich samt Sandmännchen wieder für ein fotografisches Experiment herhalten soll. Ich male mir schon aus, wie ich in meinem derzeitigen Zustand wohl rüberkommen mag auf diesen entfesselten Bildern. Rüdi beruhigt mich mit den Worten, dass man mich darauf so gut wie nicht erkennen wird. Das wird ja immer schlimmer.

Schnell holt er seine Kamera und auch diesen kuriosen Blitz, der sich und mich irgendwie entfesselt. Ich bin enttäuscht, weil den kenne ich schon. Der steckt öfter oben festmontiert auf der Kamera. Gerade das soll heute in der Form jedoch nicht passieren und am Ende den Zauber ausmachen.

Es geht los: Herr Fotograf drapiert mich auf dem Sofa. Nix Kompliziertes bis jetzt. Ich sitze darauf einfach ganz normal. Außer dass ich genau dort sitzen soll, wo unser Ecksofa diesen 90%-Winkel bildet. Füße auf den Boden stellen und nix weiter machen – außer atmen. Ich dachte, ich spinne, als er im zweiten Schritt diesen Blitz unten auf den Boden zwischen meine Füße stellt. Ich habe ihn bis jetzt nur blitzen sehen, wenn er felsenfest mit der Kamera verbunden ist. Was der alles kann (der Blitz). Sobald er an einer anderen Stelle außerhalb des Fotoapparats wirkt, ist er quasi entfesselt. Rüdi schaut sich die ersten fotografischen Ergebnisse an. Die sind für ihn noch nicht perfekt genug. Neue Anweisung: „Mach mal die Beine weiter auseinander, damit mehr Licht durchkommt.“

Tschuldigung, ich kann auch nichts dafür, das hat er wirklich so gesagt und ist natürlich eine rein fotografische Anweisung.

Inzwischen ist er total aus dem Häuschen, dass alles so prima klappt bei unserem Experiment. Dabei wird er übermütig. Äußert sich so, dass er es jetzt auf die Spitze treiben will. Ihm kommt eine Idee. Dazu drapiert er mich vor unsere Wohnzimmerwand. Ganz dicht ran. Nun muss der Blitz es richten. Peng, und wie er das tut!

Der Blitz entfesselt sich dermaßen gut, dass sich auf der Wand ein kunstvoller Schatten von mir bildet. Ja Leute, das ist tatsächlich Kunst. Rüdi flippt fast aus vor Entzückung, da er diese Form der abstrakten Kunst besonders mag. Ich finde sie eher doof, aber was macht man nicht alles. Ich tue ihm daher den Gefallen und komme seinem finalen Wunsch nach: „Reiß deinen Mund so weit auf, wie du kannst.“ In Anbetracht meiner Optik ist das jetzt echt auch voll egal.

Naja, zumindest hat Rüdi sein Versprechen gehalten, dass man mich auf den Fotos wahrhaft kaum erkennen kann – schon gar nicht im Detail. Ist wirklich auch besser so.

 

 

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