Daniel Düsentrieb ist nichts gegen meinen Rüdi. Er erfindet immer extrem praktische Dinge. So wie heute, als er sich seine eigene Fotoausrüstung bastelt. Pah, zu was sich teures Equipment kaufen, wenn man sich dieselben Effekte aus doppelseitigem Klebeband herstellen kann. Ich schaue mir neugierig seine Konstruktion an. Sieht kurios aus. Die klemmt er sich nach Fertigstellung vorne ins Objektiv rein. Ich verstehe zwar nicht, warum er sein Objektiv mit einer kunstvollen Kreation aus Klebeband verziert. Und das auch noch von innen! Ich dachte immer, da muss so viel Licht wie möglich durchkommen, damit das etwas wird mit dieser Fotografie. „Wir gehen sowieso auf die Bühne, da ist es dunkel“, erklärt der Fachmann sein Vorhaben.

Er wird schon wissen, was er tut, denke ich mir und versuche die aufkommenden Fragezeichen in meinem Kopf zu ignorieren. Wir marschieren auf den Dachboden des Mehrfamilienhauses, in dem wir wohnen. Samstagabends gegen 22 Uhr dürften uns dort nicht mehr viele Mitbewohner begegnen. Darüber bin ich froh, wer weiß, was die sonst von uns denken. Zumal Rüdi ergänzend hinzufügt, dass es so dunkel wie möglich sein muss für unser Shooting. Und so schleichen wir in nahezu völliger Dunkelheit auf dem Dachboden herum. Ich muss kichern, weil Rüdi so lustige Sachen mit mir macht. Ist ein bisschen wir blinde Kuh spielen, nur, dass es keinen Topf gibt, den ich dabei finden muss.

Als wir zum dritten Mal versehentlich zusammenstoßen und ich erneut kichere, leuchtet Rüdi uns den Weg mit der Taschenlampen-Funktion seines Handys. Besser ist das, bevor unsere Mitbewohner auf die Idee kommen, dass auf der Bühne eventuell Einbrecher zur Tat schreiten. „Sollen wir nicht doch lieber Licht anmachen?“, frage ich. „Auf keinen Fall!“, ruft er entsetzt. Es hat scheinbar wichtige Gründe für die Art dieser Fotografie, dass ringsum kein Licht an ist und dieses Klebeband im Objektiv steckt. Während er das erzählt, bugsiert er mich in unseren Dachboden-Abstellraum hinein. Der hat einen Holz-Bretterverschlag, vor den ich mich stellen soll. Mit dem Gesicht sehr nah dran an den Brettern. „Ein bisschen weiter nach links, Uli. Noch zwei Millimeter weiter nach links, perfekt. Das wird ein super Bild“, so die Verheißung meines Fotografen. Ich verstehe nur Bahnhof, als ich da wie in einem Gefängnis durch diesen Bretterverschlag hindurchschaue. Ins stockdunkle Nichts wohl gemerkt.

Da man seinem Ehemann auch in fragwürdigen Situationen blind vertrauen sollte, tue ich dies hiermit und stelle keine weiteren Fragen. Was soll ich auch anderes machen. Plötzlich sehe ich nur noch Sternchen. Aha, so viel zum Thema Licht. Sein Mörderblitz auf der Kamera erhellt das Geschehen für ein-zweihundertstel Sekunden. Aber wie! Die Klebeband-Kreation im Objektiv klaut einen Teil dieses grellen Lichts wieder, was scheinbar so sein muss. Damit das Bild nur in der Mitte hell wird, außenrum eher weniger. Nennt sich fachsprachlich wohl Vignette. Ich mutmaße, dass die Klebeband-Bastelei also eine Vignetten-Zauberin ist. Rüdi freut sich, dass seine Ehefrau die fotografischen Zusammenhänge endlich kapiert. Naja, geht so.

„Wir sind fertig“, erklärt er mir. Wie … schon fertig? Ich bin enttäuscht, wo es gerade angefangen hat Spaß zu machen … in lauschiger Dunkelheit auf dem Dachboden mit meinem Rüdi und seiner Bastelarbeit.

 

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