Alle Welt schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, als ich von meinem Vorhaben berichte: „Einen Verein willst du gründen? Viel zu schwierig, zu bürokratisch, tausend Dinge zu beachten: Satzung, Vereinsrecht, Eintragung beim Amtsgericht, Gemeinnützigkeit beim Finanzamt durchkriegen u.v.m. Tue dir das bloß nicht an!“

So etwas möchte ich in meiner euphorischen Stimmung gar nicht hören. Ich will jetzt diesen Tierschutzverein gründen und basta. Könnte man als naiv bezeichnen und ein bisschen war es das ja auch – damals im Jahre 2008.

Jedenfalls setze ich dieses Vorhaben um, zusammen mit weiteren sechs Menschen. Dann geht’s los. Wir wollen Hunde retten, und das ist mir nicht ganz neu, denn das tat ich die beiden Jahre zuvor schon für einen anderen Tierschutzverein. Sehr intensiv und aufwühlend, viel dabei gelernt.

Da ich aber selbst etwas bewegen möchte, und das bitte schön nach meinen ganz eigenen Vorstellungen, braucht es eben einen eigenen Verein. Dann geht’s los.

Wir wachsen recht schnell und da wir kein Tierheim betreiben, werden die Hundis vor Vermittlung in Pflegefamilien untergebracht, die von uns in dieser Aufgabe rundum betreut werden. Dabei passieren die lustigsten Dinge. Eine von vielen dieser Geschichten ist die von Jerry …

 

 

Mallorquiner Jerry, ein ganzer Kerl von Hund, macht erstmalig Bekanntschaft mit der schwäbischen Kehrwoche und der Tatsache, dass Schwaben wenig kontaktfreudig sind. Und dann noch diese Sprachbarrieren! Diese Menschen kapieren aber auch gar nichts. Da kümmert man sich als Hund aufopferungsvoll um einen guten nachbarschaftlichen Kontakt. Und was tun sie? Entsetzt gucken! Als Hund kann er da nur mit dem Kopf schütteln und feststellen: Diese Menschenerziehung ist wahrlich anstrengend. Aber beginnen wir doch am besten von vorne. Und damit es da keinerlei Missverständnisse mehr gibt bei Verständigung zwischen Mensch und Tier, erzählt Jerry die Geschichte lieber selbst:

 

Wie ich gehört habe, gehen Dachdecker auf die Walz. Sie schnallen sich dazu einen Rucksack auf den Rücken und ab geht’s über Stock und Stein quer durchs Land, nette neue Leute kennen lernen und was von der Welt sehen. Ich bin zwar kein Dachdecker, sondern ein mallorquinischer blonder Hund, teile mit oben genannter Berufsgattung aber dieselbe Vorliebe fürs »Wandern«. Für den Proviant sorgen im Allgemeinen bei meinen Touren die netten Menschen, die ich unterwegs treffe. Was im Laufe der Zeit dazu geführt hat, dass mein Bäuchlein doch etwas rund geworden ist.

Aus meinen weitreichenden Erfahrungen in dieser Angelegenheit kann ich euch berichten, dass es hochgradig kulturelle Unterschiede gibt bei den Leuten, denen ich begegnete. Während die Zusammentreffen auf Mallorca überaus freundlich abliefen, sind die Deutschen nicht gerade kontaktfreudig.

Ach, wenn ich da an meine mallorquinische Nachbarin zurückdenke, das waren noch Zeiten. Aufgrund der etwas andersartigen geografischen Verhältnisse heißt »Nachbar« im mallorquinischen Sinn nicht, dass man sich auf der Pelle sitzt. Ein paar Kilometerchen können durchaus zwischen Nachbar und Nachbar liegen. Den Weg zur Nachbarin kannte ich in- und auswendig. Bei ihr war es immer besonders schön. Sie freute sich überschwänglich, wenn sie mich sah, und begrüßte mich stets mit den Worten »Jerry, was machst du denn schon wieder hier?!« Natürlich bekam ich mein obligatorisches Leckerchen. Danach schnell die beiden dort ansässigen Hunde begrüßt. Zum Abschluss einen Rundgang gemacht über das ganze Finca-Gelände – das war aber auch spannend. Zu jener Zeit waren wochenlang Handwerker zugange, um das Anwesen zu verschönern. Da gab’s bei jeder Wanderschaft etwas Neues für mich zu entdecken.

Komischerweise setzte mich Frau Nachbarin dann aber regelmäßig zu sich ins Auto und fuhr mich zurück nach Hause.

Beim ca. 167sten Besuch verfasste meine Lieblingsnachbarin einen Brief an befreundete Tierschützer in Deutschland: »Liebe Freunde, schaut euch diesen großen Blonden auf den Fotos hier an. Er ist lieb, hat aber ein bisschen einen Knall. Der geht dauernd auf Wanderschaft und landet dann bei mir. Leider hat er kein Zuhause. Könnt ihr für ihn in Deutschland bitte eines suchen, damit er endlich aufgehoben ist?«

Die Antwort folgte prompt: »Liebste Freundin, mit großen Blonden kennen wir uns aus. Hatten bis vor Kurzem selbst noch einen solchen großen vierbeinigen Bruder hier. Der hatte auch einen Knall – allerdings in anderer Form. Egal, Knall ist Knall. Herrchen kommt demnächst sowieso nach Mallorca, dann nimmt er ihn mit nach good old Germany. Eine Pflegestelle wartet schon auf ihn. Richte Jerry also aus, er soll schon mal seine Koffer packen. Den Rucksack nicht vergessen!« Als ich von der Nachricht Wind bekam, war ich total aufgeregt.

 

Ich darf in ein fernes Land, das Schwabenland heißt. Wunderbar!

 

Hey, bis jetzt finde ich es echt spitze in Deutschland.

Ich zeige den Leuten das in der Form, indem ich alle umgehend umarme. Heißt: Männchen machen und meine großen Tatzen um sie schlingen. Ich habe euch alle lieb. Aber wann geht’s jetzt endlich los mit den Wanderungen? Schaut, da ist mein fertig gepackter Rucksack.

Meine schwäbische Pflegemama findet meine Umarmungs-Liebkosungen nicht ganz so gut. Psssst, nicht weitersagen, ich darf das eigentlich gar nicht verraten, aber sie ist ein wahrhafter Zwerg. Einmal Männchen gemacht und ich kann ihr lässig auf den Kopf spucken. Ich habe vollstes Verständnis, dass sie sich dabei doof vorkommt, und zeige ihr meine Zuneigung fortan auf andere Art. Sie ist aber auch knuffig. Wir gehen viel spazieren, wir schmusen, wir machen Ausflüge mit dem Auto, herrlich! Und wir unterhalten gern auch mal die Nachbarschaft.

Unsere Aktion heute Morgen war so Aufsehen erregend, dass noch Jahre später alle davon sprechen werden.

Stellt euch vor, da kommt sie doch glatt auf die Idee, am frühen Morgen ein Riesen-Trara im Haus zu veranstalten, indem sie Großputz macht. Dieser Lärm, puhhhhh. Frauchen, mach doch bitte den Staubsauger aus, ich würde gern noch eine Runde schlafen. Sie hört mich nicht, ist im vollen Putzwahn. Also schaue ich kurz nach, ob ich ihr helfen kann – an Schlaf ist eh nicht mehr zu denken. Ich begutachte sie von oben bis unten und muss dreimal überlegen, ob das wirklich mein Frauchen ist. Sie sieht seltsam aus. Eine Frisur, wie in die Steckdose gefasst, die Augen zerknittert wie nach einer durchzechten Nacht und Klamotten am Leib, die eher in den Altkleidersack gehören. Allein an der Zwergengröße kann ich ausmachen, dass es wahrhaft mein Frauchen ist – ich hätte sie sonst wirklich nicht erkannt. Normalerweise läuft sie überaus gepflegt durchs Leben. Was für ein Wahn sie heute geritten hat, das weiß nur der liebe Gott. Den kann ich gerade aber nicht fragen. Also frage ich sie: Frauchen, wie sieht’s aus mit Frühstück? Lass doch endlich mal den Staubsauger in Ruhe und geh in die Küche. Ich habe Hunger.

 

FRAUCHEEEEEEEEEN!!!!!!!!!

 

Sie hört mich immer noch nicht, was vermutlich an dem ohrenbetäubend lauten Staubsauer liegt. Sie sollte sich dringend einen neuen zulegen. Also schleiche ich ihr auf Samtpfötchen hinterher. Gerade will ich sie mit der Pfote anstupsen, da macht sie die Haustür auf, um draußen den Eingangsbereich zu saugen. Ja, ist sie jetzt völlig übergeschnappt oder ist das die viel zitierte schwäbische Putzmentalität (ich sage nur: schwäbische Kehrwoche!). Normale Leute nehmen für draußen keinen Staubsauger, sondern einen Besen. Da sie mir einfach nicht zuhören will, obwohl ich nun wahrhaft oft genug versuchte, mit ihr in Kontakt zu treten an diesem frühen Morgen, gehe ich halt auf die Walz. Irgendwo werde ich schon etwas Essbares bekommen, wenn nicht hier. Tschüss Mama, bis später, sind meine Worte, als ich mich durch den Türspalt neben ihr hinaus schlängele und auf Erkundungstour gehe.

Ihre Aufmerksamkeit errege ich mit dieser Aktion in einer einzigen Sekunde!

Denn so lange braucht es, bis der Staubsauer aus ist. »Jerryyyy, bleib da!«, ruft sie fassungslos. Höre ich da Liebe und Sorge in ihren Worten? Ja, ich glaube, sie hat mich wirklich lieb. Ach Mami, ich gehe nur kurz frühstücken, bin in ein paar Stunden wieder da. Aus der Distanz höre ich noch einen Schrei von ihr. Er gilt ihrem Mann, also meinem Pflegepapa. Ach, wie ich mitbekomme, verweilt er an diesem schönen Morgen (ohne Frühstück) in der Werkstatt, die sich im Untergeschoss des Hauses befindet. Frauchen, jetzt mach doch nicht alle Leute verrückt. Lass ihn weiterwerkeln und du kannst ruhig das Haus fertig putzen. Bis in ca. drei Stunden wirst du sicher fertig sein und wieder manierlich aussehen, wenn ich zurückkehre, oder? Das wäre echt prima.

Da einem leicht übergewichtigen blonden Hund Frühsport nie schadet, lege ich einen Zahn zu und wechsle von der Gangart ‚lahmer Trab‘ in ‚Galopp‘. Ja wie, Frauchen galoppiert auch? Willst du ebenfalls ein paar Pfunde loswerden oder warum rennst du mir in einem Affenzahn hinterher?

Au ja, wir machen ein Wettrennen, das ist lustig. Leider wird sie gegen mich keine Chance haben. Nicht nur, dass sie aufgrund ihrer Größe sehr kurze Beine hat, auch sollte sie sich beim nächsten Mal ordentliches Schuhwerk besorgen, wenn sie professionell Frühsport machen möchte. Mit diesen grausamen Hausschlappen bricht sie sich eher alle Beine. Ich bin ihr daher haushoch überlegen.

Obwohl ich in wahnsinnig schnellem Tempo galoppiere, entgeht mir nicht, dass in der Seitenstraße rechts von mir eine Gruppe Menschen auf dem Gehweg steht.

Also zackig mal rechts abbiegen, Menschen sind immer toll. Ich bin doch so gesellig. Die Gesichter dieser Menschen spiegeln leider keine Freude wider, eher Entsetzen. Zuerst sehen sie einen großen blonden Hund in Lichtgeschwindigkeit auf sie zu rennen. Danach sehen sie eine kleine Frau in seltsamen Latschen mit Steckdosenfrisur und Altkleidersack-Klamotten – ebenfalls rennend, halt nicht ganz so schnell –, die ihnen auch noch panisch zuruft:

 

»Haltet ihn bitte fest, er tut nix.«

 

Scheinbar wirkt Frauchen auf sie nicht sehr Vertrauen erweckend, jedenfalls springen aus Angst schnell zur Seite und sehen aus, als ob sie befürchten, ich oder Frauchen hätten Tollwut. So ein Quatsch, wir machen nur Frühsport, täte euch sicher auch gut.

Ach, da steht ja die Haustür offen, da flitze ich mal schnell rein und schaue, was ich an Erfrischungen finden kann. Sport macht durstig – und einen Bärenhunger. He Leute, in welches Stockwerk muss ich gehen? Wo ist die Hundebar eröffnet? Da mir keiner antwortet, arbeite ich mich zielstrebig und durchdacht vor und beginne meine Suche im Keller. Der Stimme vor dem Haus, die mir gut bekannt ist und sich lediglich sehr außer Atem anhört, entnehme ich, dass Frauchen trotz schlechtem Schuhwerk nun auch angekommen ist. Da die in alle Richtungen geflüchteten Menschen noch immer an Tollwut zu glauben scheinen bittet Frauchen höflichst um Erlaubnis, das fremde Haus betreten und mich wieder holen zu dürfen.

Frauchen, bin ich total mit einverstanden, hier ist es sowieso doof. Keine Getränke, kein Essen und die Menschen sehr kontaktscheu. Komm, wir gehen. Mit großer Freude sehe ich Herrchen nun ebenso eintrudeln. Ich mutmaße, dass Frauchen und er sich heute abgesprochen haben. Jedenfalls sieht er, was Frisur, Kleidung und Schuhe angeht, aus wie das Pendant zu meiner Mami. Eine nette (verrückte) Familie macht sich wieder auf den Nachhauseweg.

 

Ich höre, wie meine Pflegemama den Nachbarn dabei noch zuruft »Der ist nur geliehen!«

 

Boah, so was hätte ich nun nicht erwartet. Was für eine Diffamierung meiner Person. Und das, wo ich so schön mit dir Frühsport gemacht habe.  Wenn ich Frauchen nicht so lieb hätte, könnte ich jetzt glatt sauer sein. Kurze Zeit später erfahre ich Näheres über die schwäbische Mentalität. Die besagt: spanische Einwanderer können nicht einfach so daherkommen und die Gepflogenheiten der Bürger hier über den Haufen werfen. Sonst wird das mit der Einbürgerung nix. Annäherungsversuche daher immer schön behutsam, am besten nach vorheriger schriftlicher Ankündigung.

 

Weitere Hundegeschichten dieser Art findest du in meinem gleichnamigen eBook:

 

Epilog:

Drei Jahre lang führte ich den Verein als 1. Vorsitzende und wir schafften sogar den Sprung ins TV zu „ SWR Kaffee oder Tee“ – eine Ehre und Ritterschlag für einen Tierschutzverein. Alle vier Wochen durften wir dort drei Hunde zur Vermittlung vorstellen.

In diesen drei Jahren konnten wir insgesamt um die 500 Hunde in neue Familie vermitteln – ein Knochenjob für mich in 24/7. Ein Burnout trennte mich dann recht abrupt von diesem Vorhaben und ich sagte dem Tierschutz gänzlich adieu.

       

© Alle Fotos dieses Beitrags: privat

 

 

 

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