Wenn ich schwangere glückselige Frauen sehe, die nach der Geburt ihr Baby auf dem Bauch liegen haben und verklärt dreinschauen – da kann ich nicht mitreden. Glückseligkeit ist so ziemlich das Letzte, was ich fühlte … damals, vor 23 Jahren, als ich nach einer sehr kräftezehrenden Schwangerschaft und drei Tagen in den Wehen einem Kind das Leben schenken durfte.

 

Okay, ich bin schwanger!

 

Das muss ich erst mal begreifen, als ich einen Schwangerschaftstest mache und in Millisekunden zwei Striche angezeigt bekomme. Für überschwängliche Freude habe ich allerdings keine Zeit, da ist erst mal nur Angst. In Anbetracht meiner kläglichen gesundheitlichen Ausgangsbasis, wohl zurecht.

Neun Monate später: Nachdem ich so ziemlich alles an körperlichen Problemen mitgenommen habe, was eine schwangere Frau nur mitnehmen kann, sitze ich relativ erschöpft im Kreissaal. Nachts um halb drei.

 

Die Hebammen finden, ich sei eine Sensation. Sie hätten noch keine Frau erlebt, die mit 57 Kilogramm in den Kreissaal marschiert ist. Na, wenigstens für ein Wunder bin ich damit gut und kann ja auch nichts dafür, dass es mir die ganze Schwangerschaft über so dreckig ging. Mehr als 8 Kilogramm Gewichtszunahme waren da nicht drin.

Drei lange Tage: null Schlaf, kaum Essen und viele Schmerzen später ist es geschafft und Catharina auf der Welt. Sorry, dass ich da jetzt keine Kraft mehr habe, die glückselige „Kind liegt auf Bauch der Mutter“-Situation haben zu wollen. Also übernimmt Herr Papa das schreiende Bündel. Ganz dunkel höre ich die Hebamme im Hintergrund sagen: Alles gesund, 3000 Gramm schwer. Ich will nur noch schlafen.

Nach fünf Tagen habe ich mich immer noch nicht recht erholt, dafür Milch bis zum Abwinken zur Verfügung. Ich hätte damit die komplette Neugeborenen-Station versorgen können. Scheinbar hat es sich noch nicht bis zu meinem Körper herumgesprochen, dass eine solche Top-Milchbar nicht gerade zur Erholung einer völlig entkräfteten Mutter beitragen kann.

Nachdem ich drei Monate später mein Kind vor Schwäche immer noch nicht alleine versorgen kann und auf eine Haushaltshilfe und Verwandte angewiesen bin, reicht es mir. Ich stille ab.

 

„Wie kannst du nur! Denk doch an dein Kind!“, so die vorwurfsvollen Stimmen. Als ob es meiner Tochter gut ginge mit einer Mutter, die sich nicht um sie kümmern kann.

 

Kaum abgestillt, geht es endlich bergauf – wenn auch millimeterweise. Erst nach fünf Monaten bin ich in der Lage, zum ersten Mal mit Kind und Kegel einen kleinen Spaziergang zu machen. Zwar nur 500 Meter, aber immerhin. So langsam kann ich das Mama-Sein dann auch mal genießen und stelle dabei fest: Catharina ist ein zauberhaftes Mädchen. Ich weiß, das denkt jede Mutter von ihrem Kind. Ich wollte es an der Stelle dennoch unbedingt gesagt haben.

Was mir für meine Erholungsphase sehr entgegenkommt, ist die Tatsache, dass sie eine Rundum-Sorglos-Langschläferin ist. Von abends halb neun bis morgens um acht Uhr ist da keine Seltenheit. Dazu zwei Schläfchen tagsüber. Danke, Catharina, so lobe ich mir das. Daran sollte sich lange nichts ändern. Als ich sie mit drei Jahren morgens um 9 Uhr regelrecht aus dem Bett schmeißen muss, protestiert sie jedes Mal: „Mama rausgehen, will weiterschlafen!“

Doch bevor sie sprechen kann, bringt sie sich selbst erst mal singen bei!

Ne, nicht von mir! Wie sie drauf kommt, weiß ich wirklich nicht. Klingt bei einem 5 Monaten alten Wonneproppen verdammt lustig. Jedenfalls steht das so in meinem Tagebuch, das ich über einige Jahre geführt habe. Gut so, sonst könnte ich diese Geschichte gar nicht schreiben, da ich die meisten Details längst vergessen habe.

 

Kommen wir zu ihrer „Frisur“ …

Es soll ja Kinder geben, die mit einer wahren Haarpracht zur Welt kommen. Catharina gehört eindeutig nicht dazu. Frisurentechnisch ist sie eher, puh, wie formuliere ich das jetzt so achtsam wie möglich? Ich nenne es mal nicht ganz up to date. Härchen sind zwar schon da, aber sehr unregelmäßig auf dem Kopf verteilt. Seitlich und vorne fast nix, dafür sprießen die Deckhaare wie wild. Sieht witzig aus. Und schnarchen kann sie wie ein Weltmeister. Bis sie zwei Jahre alt ist, steht ihr Kinderbett aus Platzmangel in unserem Schlafzimmer. Eines Nachts werde ich von lautem Schnarchen geweckt. Ich denke erst, es ist mein Ex-Mann, bis ich checke, dass die lauten Schnarchgeräusche aus dem Kinderbett kommen.

Sowieso findet sie das Bett total spannend. Auch deswegen, da sie mit einem Jahr entdeckt, dass sie darin stehend an den Rollladengurt gelangt. Sobald ich sie schlafen gelegt habe und rausgehe, stellt sie sich klammheimlich ins Bett und hat eine Mords-Gaudi, den Rollladengurt ein paar Zentimeter hochzuziehen, weil sie damit das Licht durch die Rollladenschlitze ins Zimmer zaubert.

 

Gute 6 Wochen nach ihrem ersten Geburtstag ist es dann so weit. Der große Augenblick für jede Mutti: Catharina sagt zum ersten Mal deutlich „Mama“.

Da schlägt mein Herz vor Rührung schneller als sonst. Vor allem, wenn sie es wie folgt kombiniert: „Mama, ei“. Das bedeutet, dass sie jetzt kuscheln will. Oder Küsschen geben. Da sie dabei allerdings ihren Mund immer weit geöffnet hält, fällt das Kussi dann doch recht feucht aus.

 

Mit zwei Jahren beginnt die so genannte „bekloppte Phase“. Ich muss das so sagen, denn zweitweise denke ich wirklich, mein Kind ist bekloppt.

Egal, wen wir auch immer treffen und egal, um was es geht, sie sagt bzw. antwortet immer nur „Baum“, und das ca. hundert Mal hintereinander. Dabei kann sie schon richtig schöne Dinge sagen. Beispielsweise: Katze oben, Tür auf, Waschlappen, Salzstängele, Bankräuber, Woischr (Wo ist er?) – ja das ist schon ein wichtiger Wortschatz, den sie sich da zuerst angeeignet hat. Lustig auch: „Bauch nonder, Popo raus“, wenn sie etwas isst. Sie gibt damit in Kurzform den Weg der Nahrung wieder. Schlaues Kind.

Wegen dieses Gagga-Baum-Monologs werden wir bald schon von sämtlichen Nachbarn und der Verwandtschaft aufgezogen. Das potenziert sich in dem Moment, als Catharina beginnt, nonstop ihre Wollmütze zu tragen. Und zwar eine von der Sorte an Schlupfmütze, bei der nur noch das Gesicht frei ist. Sie weigert sich strikt, das Ding herzugeben. Sogar zum Schlafengehen kriege ich das Teil nicht von ihr entfernt. Das muss ich dann heimlich machen, wenn sie eingeschlafen ist. Und wehe, ich nehme ihr die Mütze weg. Da sind tiefste Verzweiflung und Tränen angesagt. Also ändere ich die Taktik, lasse sie machen und hoffe einfach, dass die Phase bald vorübergehen möge. Es wird allerdings eine Weile dauern …

Du musst dir dabei beispielsweise auch die Szenerie vorstellen, dass eine Zweijährige mit Bankräubermütze zum Erdgeschossfenster rausschaut und allen Menschen, die da vorbeilaufen (auch Fremde) laut „Hallo Leute“ zuruft. Unser Ruf in der Straße ist damit ruiniert.

 

Und wenn die gnädige Dame abends in Bankräuber-Outfit dann endlich mal ins Bett gebracht ist, kann es schon passieren, dass es plötzlich im Befehlston aus dem Zimmer ruft „Mama kommen“, „Papa kommen“! Weil sie Durst hat oder die Benjamin Blümchen-Kassette umgedreht werden muss. Ja, willensstark war sie schon immer.

Sowieso scheint dieses Alter die Phase der neuen Entdeckungen zu sein. Außer, dass sie Bankräuber und ihre Mütze toll findet, hat sie ebenso einen Narren gefressen mit dem Thema Einkaufen. Jedenfalls sagt sie bei jedem kleinen Teil, das sie zu Hause zwischen die Finger bekommt: „Kauft, bezahlt, heimgebracht!“ – mindestens tausendmal am Tag. Und wenn es sich um etwas handelt, dass sie woanders sieht und noch nicht hat: „Kaufen mal!“

 

Szenenwechsel: Sie sieht auf einer Plakatwerbung einen Mann ohne Kopfhaare: „Desdo sieht aus wie Papas Glatze“. Damit hat sie zu 100 % Recht.

Ein halbes Jahr später ist, drei Kreuze gemacht und Stoßgebet in den Himmel geschickt, ihre Bankräubermütze endlich Geschichte. Sie geht nun nahtlos in die Technikphase über. Wie jeder weiß, ist das nicht gerade mein bevorzugtes Wissensgebiet. Alles, was einen Motor hat und mit Strom oder Batterie funktioniert, findet sie aber total spitze und will alles darüber wissen: Auto, Radio, Waschmaschine. Sehr anstrengend, wenn du ein technik-wissensdurstiges Kind zu Hause, du aber keine Ahnung davon hast.

 

„Das war so aufregend, deshalb bin ich so gerannt!“

Inzwischen sind nicht nur Catharinas Haare zu wunderschönem Haupthaar herangewachsen, sie geht nun auch schon zwei Jahre in den Kindi. Und der liegt nur 200 Meter von unserem Zuhause entfernt. Dazu laufen wir die Spielstraße bei uns bis ans Ende hoch, biegen rechts ab und in die nächste Spielstraße ein. Damit stehen wir auch schon vor dem Kindergarten.

Obwohl sie sonst ein echter Haudegen ist, hat sie vor einer Sache tierische Angst: die paar Meter alleine in den Kindergarten zu marschieren (was man mit fünf Jahren und unter den gegebenen Bedingungen schon mal machen kann). Zumal Frau Mutti, also ich, nach Kindi-Schluss vor der Haustüre steht und wartet, bis sie oben in der Spielstraße um die Ecke gebogen kommt. Damit bleiben maximal 50 Meter übrig, die sie alleine auf dem Weg ist.

 

Erster Tag der „Ich laufe jetzt alleine-Mission“:

Ich stehe vor der Haustüre und schaue Catharina hinterher, wie sie unsere Spielstraße bis zum Ende entlangläuft. Am Ende der Straße dreht sie sich um und ruft: „Ich habe jetzt schon ein bissle Angst“, läuft aber tapfer weiter.

Gleiches Spiel nach Kindi-Schluss, nur in umgekehrter Richtung. Ich postiere mich an gewohnter Stelle. Da kommt plötzlich in Affentempo mein Kind ums Eck gerast und wirft sich stolz in meine Arme, als sie bei mir ankommt – mit den Worten „Das war so aufregend, deshalb bin ich so gerannt.“

 

Stichwort Mut und „Rennen“

Zwanzig Jahre später ist von dem ängstlichen Mädchen nichts mehr zu sehen. Egal, welches Abenteuer auch anstehen mag, eines kann man sich sicher sein: Catha ist ganz vorne mit dabei. Dabei hat sie das Laufen für sich entdeckt. Nicht einfach so „ein bisschen “ Joggen. Mit Marathon fing alles an, ging dann zu Ultra-Marathons über und hat aktuell den Stand Trail-Running erreicht. Da laufen die Leute mal fix 100 Kilometer in den Bergen, über Gletscher hinweg, erklimmen dabei gute 3.000 Höhenmeter und sind dafür durchaus gute 20 Stunden unterwegs. Einen beeindruckenden Einblick davon gibt es im Scrollytelling „Lauf Catha, lauf!“

Sie fährt überall in der Weltgeschichte herum zum nächsten Lauf und alleine bei den Fotos kriege ich Beklemmungen. Catha wiederum findet das spannend. Angst? Hat dieses „Kind“ so gut wie vor nichts – im Gegensatz zu ihrer Mutter.

 

Und weil ein solcher Rückblick mit allen Erinnerungen eine schöne Überraschung sowie bleibende Erinnerung für meine Tochter ist, gibt es diese Geschichte. Übrigens: Zwischen diesen Fotos unten liegen um die 15 Jahre. Wir haben uns kaum verändert … 😀

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© Alle Fotos dieses Beitrags: privat

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