Ausflug zu Burg Leofels. Ich denk mir nix dabei. Bis mich Rüdi plötzlich in dieses Verlies lotst …

Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und überlege: Was trägt ein Burgfräulein von heute so? Da ich davon keine Ahnung habe, hole ich Rüdi zur Hilfe. Schließlich kam von ihm die Idee, mich auf Burg Leofels fotografieren zu wollen. Ich schlussfolgere daraus, dass ich damit nun zum Burgfräulein ernannt bin und habe wie immer nichts Passendes zum Anziehen. Außer dieses nagelneue rosa Kleidchen.

Nach 25 Minuten Fahrt kommen wir mit unserem üblichen Gepäck dort an: Rüdi mit seinem tonnenschweren schwarzen Foto-Utensilien-Rucksack. Ich mit der Proviant-Handtasche. In die habe ich heute sogar ein Käsebrot gepackt. Ich wusste wohl vorausschauend instinktiv, dass Nervennahrung in Form von Kohlehydraten wichtig sein würde …

Wir parken und gehen den kleinen Weg in Richtung Burg hoch. Huch, was’n da los?

Als wir um die Ecke biegen und in den Innenhof schauen, herrscht buntes Treiben. Mist! Wird wohl nichts mit meinem einsamen Burgfräulein-Shooting. Rüdi kennt da nix und begiebt sich mitten rein in die Menge. Dabei findet er heraus, dass wir soeben in die Proben der Freilichtspiele geplatzt sind. Er will den Gedanken an ein Shooting noch nicht aufgeben, wo er schon mal ein in hübsch Rosa gehülltes Burgfräulein dabei hat. Dann entdeckt er wieder etwas, das seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Schwarze Gitterstäbe vor einem Eingang. Das kann ja nichts Gutes verheißen. Und tatsächlich führt der Eingang einige Treppen hinab in ein dunkles, kaltes Verlies. Nass ist es da unten auch. Für Rüdi in dieser Minute beschlossene Sache, dass unser Shooting in diesem dunklen Loch stattfinden soll.

Er möchte, dass ich mich an der hinteren Wand auf den kleinen Vorsprung setze, der sich in meiner Kniehöhe hervortut. Igitt, alles nass. Und dreckig! Ich erwähne, dass ich ein neues Kleid trage. Auch noch rosa. Er: „Jetzt mach schon, das kann man wieder waschen.“ Ich berühre meine Sitzgelegenheit vorsichtig mit den Fingern und habe sofort grün-braunen Dreck daran kleben. „Rüdi, ich setz mich da nicht hin!“, protestiere ich. Wenn sich Rüdi fotografisch was in den Kopf gesetzt hat, gibt es kein Zurück mehr für ihn (und mich!). Er durchsucht den Raum und findet eine Plastiktüte. Die soll ich mir unter den Hintern klemmen und nicht mehr jammern. „Wie … einen Schuh auch noch ausziehen?“ Ich fasse nicht, was mich dieser Mann, der mich im normalen Leben auf Händen trägt, beim Fotografieren für Gefahren aussetzt. „Ich hol mir den Tod!“, versuche ich es in einem letzten Aufschrei. Der Boden ist wirklich arschkalt. Und nass! Egal wie, das Foto muss gemacht werden. Wie es sich für ein Burgfräulein gehört, dass in einem dunklen, nassen Verlies einem verrückten Fotografen ausgeliefert ist, gucke ich entsprechend verzweifelt. Ne, nicht modelmäßig absichtlich. Es spiegelt meinen Gemütszustand in dieser Sekunde wieder.

 

Rüdi hat ein Einsehen. Ich darf den Schuh wieder anziehen und meine Gefangenschaft in diesem Loch beenden.

Beim Hinaufsteigen der Treppen blinzelt mir Sonne entgegen. Juhu, Licht, Wärme, Leben. Da wir im Innenhof nicht weiter stören dürfen, schlendern wir im Außenbereich herum. Wieder ein Mauervorsprung, dieses Mal auf Brusthöhe. Der ist sehr schmal, ich passe da also nicht rein oder gar drauf. Aber mein Handy. Er will unbedingt mein Handy haben. Wichtig ist, dass ich dazu ein Bild von mir öffne. Was hat er nun wieder vor? Er fummelt mit meinem 6 Monate alten (also relativ neuen) Apfelphon an diesem Mauervorsprung herum und ich sehe mein Handy schon auf den Boden fallend in tausend Stücke zerschellt. Ich halte mir die Augen zu, weil das alles sehr schlimm für mich ist. Irgendwann ist der furchtbare Moment vorüber und mein Handy wieder meins. Ich halte damit unbedingt den Zeitpunkt für den Aufbruch gekommen, bevor dem Fotografen noch weiterer Blödsinn einfällt.

Da ich keine Schokolade greifbar habe, stärke ich meine Nerven auf der Heimfahrt mit meinem Käsebrot. Rüdi kriegt nix davon ab. Der kann jetzt schauen, wie er seinem Burgfräulein wieder gute Laune macht. Bis wir zu Hause sind, ist ihm das gelungen. Seinem Charme sei Dank.

 

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