© Titelfoto: josealbafotos – pixabay

 

„Kaffee?“, frage ich Bruno liebevoll? Es ist morgens acht Uhr und wir sitzen gemeinsam am Frühstückstisch. Eine völlig überflüssige Frage, denn Bruno liebt seinen Morgenkaffee und ich kann mich nicht daran erinnern, dass er ihn einmal ausgelassen hätte. Außer im Sommer 1999, als ihn ein fieser Magen-Darm-Virus erwischte.

Ich weiß das deswegen noch so genau, da Bruno nie krank war. Nicht mal Kopfschmerzen hatte er, im Gegensatz zu mir. In besagtem Sommer wollten wir drei Wochen lang die schottischen Highlands erkunden. Doch am Abflugtag hing der arme Bruno nonstop über der Schüssel. Er fand das alles nicht der Rede wert und wollte sich die Reise von einer Magen-Darm-Grippe keinesfalls nehmen lassen. Wir kamen jedoch nicht mal bis zum Taxi, das uns zum Flughafen bringen sollte. Und an seinen Morgenkaffee war aus denselben Gründen nicht zu denken. Also fiel der Kaffee aus und die Reise zunächst auch. Wir starteten erst mit drei Tagen Verspätung in den Urlaub.

„Danke, Regina, ich nehme gern noch ein Tässchen“, freut sich Bruno über meine Aufmerksamkeit. Er ist ein sehr liebevoller Mann, der auch nach 35 Jahren Ehe kleine Gesten wie diese zu schätzen weiß. Mindestens genauso lange schmunzle ich über die Art, wie er seinen Kaffee trinkt. Wobei man dieses Getränk kaum Kaffee nennen kann, sondern eher Milchgetränk mit einem Schuss Koffein. Gerade mal einen Finger breit Kaffee darf in seiner Tasse landen. Der Rest muss unbedingt mit Milch befüllt werden, anders mag er ihn einfach nicht.

Was haben wir da im Verlauf der Jahre schon an Dramen erlebt – insbesondere bei Familienfeiern. Meine Mutti konnte zu Anfang unserer Beziehung diese Vorliebe überhaupt nicht nachvollziehen. Eines Tages traten wir mal wieder zum sonntäglichen Kaffeebesuch bei meinen Eltern an. Muttchen schwenkte motiviert die Kaffeekanne und zack, war Brunos Tasse schon bis zum Rande gefüllt. Er schaute einigermaßen bedröppelt, wollte aber ja höflich bleiben und sagte daher nichts. Danach wendete er sich einfach wortlos seinem Erdbeerkuchen zu und ließ den Kaffee links liegen. Als Muttchen mal kurz zur Toilette musste, trank ich seine Tasse schnell bis auf eine kleine Restpfütze leer. Ich liebe Kaffee ohne alles. Danach befüllte ich ihm den Rest hurtig mit seiner geliebten Milch. Er schaute mich dankbar an, Paps dagegen lachte lauthals und konnte sich gar nicht mehr einkriegen vor Amüsement. Natürlich verriet er uns bei Muttchen mit keinem Wort. Schließlich kannte er seine unverbesserliche Elsbeth, wenn es um das leibliche Wohl anderer Leute geht. Da zeigte sie sich grundsätzlich übermotiviert.

„Gehen wir heute in die Stadt?“, frage ich Bruno so beiläufig wie möglich, als ich gerade meine zweite Brötchenhälfte mit Kirschmarmelade beschmiere. Übrigens selbst gemacht. Vor einigen Jahren gab es dahingehend einen kleinen Disput zwischen Bruno und mir. Der Kirschbaum im Garten warf einfach zu viel Schatten über mein Rosenbeet. Daher wünschte ich mir sehnlich, dass dieses inzwischen riesig gewordene Monstrum zu Ofenholz verarbeitet wird. Bruno reagierte entsetzt, als ich ihm meinen Wunsch eines Tages vortrug. „Den Kirschbaum? Niemals! Den haben wir gepflanzt, als Felix zur Welt kam.“ Bruno hängt an solchen Ritualen. Ich für meinen Teil hätte auf den Kirschbaum gut verzichten können. Zumal Felix längst erwachsen ist. Jedenfalls diskutierten wir im Verlauf noch wochenlang über den Kirschbaum. Da ich Brunos Herz nicht brechen wollte, einigten wir uns darauf, dass er bleiben durfte. Er wollte mein Rosenbeet dafür an einer anderen Stelle im Garten anlegen und verbrachte eine geschlagene Woche von früh bis spät draußen, um das Projekt zu vollenden.

 

Ich beiße erneut von meinem Brötchen ab. Selbst gemacht Kirschmarmelade schmeckt sowieso viel besser als gekaufte. Mit Kirschen vom eigenen Baum noch viel mehr. Insofern bin ich Bruno ja schon dankbar für seine damalige Hartnäckigkeit.

„In die Stadt? Heute?“, kriege ich von ihm zur Antwort. Ja, bei Bruno ist so etwas als eindeutige Antwort zu werten, die übersetzt „Och neeee“ bedeutet. Er riecht sicher schon Lunte, lag ich ihm die letzten Tage doch schon ständig in den Ohren, dass seine Lieblingsschuhe arg durchgelatscht aussehen. Er kann sich schlecht von Lieblingsklamotten oder -schuhen trennen. Selbst, wenn die schon halb in Fetzen hängen.

„Soll ich lieber allein gehen?“, frage ich zaghaft nach. Erleichterung in seinen Augen.
„Ja, das wäre mir in der Tat sehr Recht“, gibt er offen zu.
Er verbringt seine Zeit eh lieber im Garten. Bei schlechtem Wetter oder im Winter alternativ im Hobbykeller. Dort hat er sich ein kleines Malatelier eingerichtet. Seine Leidenschaft fürs Malen entdeckte er rein zufällig. Felix war 14 und sollte im Kunstunterricht ein Bild in Ölmalerei erschaffen. Als Motiv war ein Hund vorgegeben, Rasse egal. Das fand Felix dermaßen blöde, dass er streikte und am Ende der Stunde ein leeres Blatt abgab. Seit er als Kind von Nachbars Rottweiler in die Waden gebissen wurde, hasste er Hunde – auch wenn er sie nur malen soll. Der Lehrer gab ihm die Anweisung, diesen Hund gefälligst zu Hause zu malen, sonst gäbe es eine Sechs. Entsprechend stand Felix eines Nachmittags fluchend vor uns und konnte sich kaum noch einkriegen. Bruno fragte, ob er ihm vielleicht helfen solle. Und so verschwanden die beiden in Felix‘ Kinderzimmer.

Erst drei Stunden später sah ich meine Männer wieder. In der Hand ein Kunstwerk mit Dackel vorne drauf. Sah original aus wie der von meinen Eltern.
„Papa hat’s gemalt“, erklärte Felix direkt.
Und auch wenn diese Vorgehensweise nicht wirklich korrekt war, sahen beide einfach viel zu glücklich aus, als dass ich das Happyend mit Vorwürfen durchkreuzen wollte.

 

Ich hänge meinen Gedanken an dieses Erlebnis nach und muss dabei sehr verträumt aussehen.
„Hast du es dir anders überlegt?“, fragt Bruno. Ich weiß zuerst gar nicht, was er meint.
„Inwiefern?“
„Du wolltest doch in die Stadt!“
Ja, jetzt fällt es mir auch wieder ein. Meine Tagträumerei wurde mir nicht nur einmal zum Verhängnis. Als wir beispielsweise vor dem Trau-Altar standen, blickte ich dermaßen verträumt zu meinem Bruno, dass ich beinahe das „Jawort“ verpennte. Er schaute mich panisch von der Seite an, da er kurzzeitig dachte, ich hätte es mir anders überlegt.

„Ach Bruno, willst du nicht doch mitkommen? Wir könnten dann auch kurz bei Elli vorbeischauen.“
Elli ist Brunos ehemalige Arbeitskollegin, die sich mit Anfang Sechzig mutig dachte: „Rente? Aber nicht mit mir! Ich mache mich selbstständig.“ Seitdem hat sie einen kleinen Antikladen in der Stadt. Bruno unterstützt sie gelegentlich bei Abholungen oder sonstigen Erledigungen.
„Na gut, ich begleite dich“, stimmt er nach diesem verlockenden Ausblick zu, faltet seine Zeitung zusammen und gibt mir auf dem Weg in den Flur einen Kuss auf die Stirn.

Der Wettergott meint es gut mit uns. Zum ersten Mal nach vier Wochen Schmuddelwetter scheint endlich die Sonne. Bruno trägt seine dunkelbraune Kappe auf dem Kopf. Ohne die geht er nirgends hin und selbst im Sommer muss es unbedingt dieses Teil sein – obwohl sie aus Cord ist und bei hohen Temperaturen daher viel zu warm. Er hält mir die Haustüre auf, da lässt er sich nicht lumpen. Dann laufen wir Hand in Hand in Richtung Innenstadt. Auf Höhe des Schuhladens hake ich mich bei ihm unter und lenke ihn zielsicher in den Laden hinein.

„Kein Widerrede, Bruno! So kannst du doch nicht mehr herumlaufen!“, erkläre ich und schaue dabei vorwurfsvoll auf seine Füße. Die Schuhe, oje! Sie sehen wirklich schlimm aus.
„Hallo Familie Schmitz“, begrüßt uns die Verkäuferin.

Man kennt uns hier in der Stadt, auch wenn Bruno jeden Schuhladen meidet wie die Pest.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragt sie freundlich.

Ich zeige vorsichtig auf Brunos Füße. Jede Frau versteht mich da ohne Worte.

„Ah, ja!“, sagt sie nur und verschwindet hinter einem Regal.

Bruno indes tut so, als gehöre er nicht dazu und starrt Löcher in die Luft.
„Diese hier sollten Sie unbedingt anprobieren“, meint die Verkäuferin nach Rückkehr an den Ort des Geschehens.

Sie hält ein paar schicke braune Lederschuhe in der Hand. Bruno ahnt, dass er aus der Nummer nicht mehr herauskommen wird, also tut er, was getan werden muss.

„Passt“, kommentiert er die Sachlage. Damit ist der Kauf für ihn getätigt und die Shoppingtour gleich mit.
„Können wir nun gehen?“, bittet er mich und schaut mich dabei so liebevoll an, dass ich ihm nie böse sein könnte.
„Aber natürlich, Bruno. Warte gern draußen, ich komme gleich.“

Mit diesem Blick brachte er mich schon damals in der Clique um den Verstand. Eines Tages schleppte meine beste Freundin ihn zu einem Treffen mit an. „Das ist Bruno“, meinte sie nur knapp, als sei es der normalste der Welt, dass dieser Typ nun zu uns gehört. Ich bin ja grundsätzlich offen und er schien ganz nett. Danach ging alles recht schnell. Er schaute mir an diesem Abend mehrfach sehr tief in die Augen und mein Herz klopfte dabei enorm. Eine Woche später holte er mich für einen Spaziergang ab. Dabei verliebte ich mich in ihn – und er sich in mich. Sein Blick hat sich in den Jahrzehnten kein bisschen verändert und erzeugt nach wie vor Herzklopfen bei mir.

„Tschüss, Frau Lehendorf“, verabschiede ich mich von der guten Seele des Schuhladens und treffe draußen auf meinen Bruno, der lässig an der Mauer neben dem Eingang lehnt.
„Zu Elli?“, fragt er mich hoffnungsvoll.
„Ja, wir gehen zu Elli!“ Da will ich mal nicht so sein und den lieben Bruno erlösen. Er befürchtet offensichtlich, am heutigen Tag noch mehr shoppen gehen zu müssen.

Ellis Antikgeschäft liegt in einer kleinen Gasse mitten in der Altstadt. Auf dem Weg dorthin begegnen uns eine Menge Menschen, die Bruno alle von der Arbeit kennen. Er war bei der hiesigen Bank beschäftigt und ist daher bekannt bei den Bürgern der Stadt.

„Das ist ja eine nette Überraschung“, begrüßt uns Elli überschwänglich, als wir ihr Geschäft betreten.

Bruno ist hier voll in seinem Element, da es in jeder Ecke etwas Spannendes zu entdecken gibt. Er verwandelt sich dabei in Sekunden in einen Zehnjährigen, der mit leuchtendend Augen zur Schatzsuche aufbricht.

„Einen Kaffee vielleicht?“, fragt uns Elli sogleich. Sie ist ein so herzensguter Mensch, immer hilfsbereit, immer ein nettes Wort.
„Für mich nicht“, lehne ich dankend ab.
„Bruno, ich lass dich mal allein und gehe um die Ecke ins Lady Fortuna“, schlage ich vor.
Ich merke schnell, dass Bruno schon in den Startlöchern seiner heutigen Schatzsuche steht. Ich langweile mich dabei entsetzlich, denn aus Antikgegenständen mache ich mir nicht viel.

„Ja, Schätzelein, geht in Ordnung“, stimmt Bruno lächelnd zu und nimmt mich dabei in den Arm.
„Aber lass den anderen Kunden auch noch was übrig“, scherzt er zum Abschied.
Das sagt gerade der Richtige! Da bin ich mal gespannt, wer nachher mehr Schätze nach Hause schleppt. Ich tippe auf Bruno.

Zeitsprung ins heute …

Ich sitze mal wieder am Frühstückstisch. Natürlich mit Kirschmarmelade auf dem Brötchen, was auch sonst. An der gegenüberliegenden Wand hängt das legendäre Dackelporträt. Ich schaue es an und könnte schwören, Bruno hat mir soeben etwas zugeflüstert, obwohl sein Stuhl seit zwei Jahren leer steht. Ich vermute, er beobachtet mich von anderer Stelle jeden Tag dennoch sehr genau und kann wie immer meine Gedanken lesen – direkt vom Himmel aus.

 

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