Bus verpasst. Verdammt scheiße! Ich bekomme leicht negative Wallung, denn die Busfahrerin muss mich noch gesehen haben, wie ich mit wehenden Haaren um die Ecke gerannt kam und ihr wie wild mit meiner rechten Hand zuwinkte. Früher war das anders. Da kam der Bus zu logischen Uhrzeiten. Also um 10 vor 10. Heute fahren die Busse um 9 Uhr 43 ab oder um 16 Uhr 56. Wie soll sich das einer merken? Heute ist einfach alles anders und viel komplizierter als damals, als ich zum letzten Mal einen Bus als Fortbewegungsmittel nutzte. Das muss im Winter 1986 gewesen sein, denn danach hatte ich den Führerschein und das Geschaukel mit den Öffentlichen endlich ein Ende.

Entsprechend langwierig bereitete ich mich auf mein Abenteuer heute vor. Ich studierte die digitale Fahrplanauskunft ausgiebig. Um die zu checken, brauchste ein wissenschaftliches Hochschulstudium und ich habe ja nur mittlere Reife. Was mach ich jetzt? Zurück nach Hause und doch mit dem Auto fahren? Auf keinen Fall! Ich hatte mir vorgenommen, ein echtes Abenteuer zu erleben. Also mach ich das jetzt auch. Busfahren nach so langer Abstinenz ist bestimmt eines.

Ich frag mal den Typen, der mit mir an der Haltestelle steht. Der sieht aus, als wäre er wissenschaftlicher Busfahrpläne-Kenner. „Hey, sagen Sie mal. Kennen Sie sich mit diesen Fahrplänen etwas aus? Wann kommt denn nun der nächste?“ Warum lange um den heißen Brei reden. Sehe ich gar nicht ein. Reine Verschwendung von Lebenszeit. Also gleich mal direkt in die Vollen. Dabei merke ich erst zu spät, dass man das als Mann eventuell so oder so verstehen könnte. Ich sollte mein Plappermaul besser unter Kontrolle haben. Der denkt doch bestimmt, ich will ihn mit dem Spruch blöd anmachen.

Für einen Ausflug ins Land meines Bus-Abenteuers bin ich leicht overdressed. Ich dachte, zur Feier des Tages krame ich mal wieder das kurze Schwarze aus dem Schrank. Und meine Augenlider schmückt dezenter Lidschatten in Smaragdgrün. Sieht super aus obenrum und die langsam schwindende Elastizität meiner Haut untenrum fällt sowieso niemandem auf. Gutes Bodyshaping ist alles, auch wenn die dafür geschaffenen Höschen so richtig verkackt beschissen aussehen. Kriegt aber ja niemand mit, da das Kleid den Schwindel gekonnt überdeckt.

„Die Buslinie würde ich Ihnen nicht empfehlen“, antwortet der Fremde mit sanfter Stimme. Seine Reaktion lässt vermuten, dass er sich keineswegs angegraben fühlt, denn er lächelt. Aber was meint er damit? Hat der Bus unbequemere Sitzpolster als alle anderen Busse in Dinkelsbühl oder kommt die Busfahrerin nicht durch den Drama-Kreisel? Davon hätte ich längst gehört. Der Kreisel wird bei uns im Ort von allen scherzhaft so genannt.

Es ist ein echtes Drama, wenn du da mal drinsteckst. Die städtischen Planer haben mal wieder ganze Arbeit geleistet und den Kurvenradius zu eng bemessen. Eine Achterbahnfahrt ist nichts dagegen. Mir wird immer ganz flau, wenn ich durch das Drama fahren muss. Die Fliehkräfte stimmen da irgendwie nicht und wie der Bus da durchkommen will, frage ich mich seit Monaten. Vom Hören und Sagen weiß ich allerdings, dass er es mindestens 12-mal pro Tag in den letzten 12 Monaten schaffte. So lange ist der neu gebaute Kreisel nun fertig.

Der Baupfusch wurde vom Oberbürgermeister auch noch feierlich eingeweiht. Natürlich war ich ganz vorne mit dabei. Wollte schon immer bei einer Kreisel-Feier anwesend sein. Meine Güte, was für aufregende Sachen es doch gibt. Ich will es jetzt wissen. Wo also hakt’s genau bei Buslinie 35? „Wieso können Sie den nicht empfehlen? Planen Sie darauf absehbar einen Überfall?“

Sein Lächeln geht in ein lautes Lachen über. Seine Fältchen um die Augen vermehren sich dabei schlagartig. Da bin ich vielleicht froh. So komme ich mir mit meinen Hautkratern im Gesicht nicht mehr ganz so dämlich vor. Der Typ lacht noch immer. Mein Gag zeigt sich nachhaltig. Eventuell sollte ich meine Berufswahl neu überdenken. Viele fangen ja ab 50 noch mal von vorne an. Aus Abenteuerlust oder wegen des berühmtem „Das kann ja wohl noch nicht alles gewesen sein im Leben“. Als Comedian wäre ich top geeignet: schlagfertig, witzig, gutaussehend. So was kann die Karriere einer Frau immer fördern.

„Darf ich mich erst mal vorstellen: Jim Panse mein Name“. Ich breche fast zusammen. Nein, kein Kreislaufkollaps, weil mein enges Bodyshaping-Teil den Blutfluss stört, sondern ein heftiger Lachflash. Mister Panse sieht nun wirklich nicht nach einem Entführer oder Geiselnehmer aus. Und der Name ist einfach nur putzig. „Lachen Sie nur. Das passiert mir ständig. Und schön, dass ich die Menschen mit meinem Namen so erheitern kann.“ „Tschuldigung … ich wollte wirklich nicht unhöflich sein.“

Kurze Pause. Ich muss erst mal wieder Luft holen. „Ich stelle mir nur gerade vor, wie Sie eine Schimpansenmaske vor dem Gesicht haben und der Busfahrerin eine Banane vor die Nase halten mit den Worten ‚Schließen Sie sofort Türen – oder ich erschieße die erste Geisel‘.“ Ich weiß, dass man über solche schlimmen Sachen keine Witze machen soll. Mein Humor ist nicht immer gesellschaftsfähig. Da Jim jedoch weiterhin freundlich lächelt, gehe ich mal davon aus, dass wir da voll auf einer Linie liegen.

„Ich mag keine Bananen!“, gibt er trocken zurück und bietet mir spontan einen Bonbon an, das er aus seiner Jackentasche kramt. „Und ich leider keine Bonbons. Danke trotzdem.“ Friederike, jetzt reiß dich mal am Riemen. So `n Blödsinn zu machen mit blödsinnigen Äußerungen am helllichten Tag an einer langweiligen Bushaltestelle an einem Mittwochmorgen. Das schickt sich nicht. Wir haben bereits Publikum, die uns neugierig begaffen.

„Könnten Sie mir mal Ihr Käppi leihen? Ein paar Groschen kriegen wir bestimmt zusammen“, albere ich weiter. Ohne zu zögern, nimmt er sein Käppi ab und reicht es mir galant. Herrschaftszeiten! Das meinte ich doch nicht ernst und versuche daher schnell das Thema zu wechseln. Besser ist das, bevor die Polizei anrückt und uns wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet. „Sie sind ein Scherzkeks, oder? Vorweg: Ich bin übrigens Friederike. Und die Friederike würde gern wissen, warum Sie mir vom 35er abraten.“ Seine Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Mir ist inzwischen längst klar, dass seine Warnung nicht ernst gemeint war. Umso gespannter bin ich auf die Antwort.

„Weil am Steuer des Busses meine Ex-Frau sitzt, und die kann absolut nicht rückwärts einparken!“ Ich pruste laut los. Vermutlich zu laut. Eine Dame von der anderen Straßenseite kommt erschrocken zu uns herübergerannt. „Brauchen Sie Hilfe?“ „Nee, danke. Ich nicht. Aber seine Ex-Frau. Die kann nicht rückwärts einparken!“ Das war zu viel für die Frau. Sie wendet sich pikiert ab und entfernt sich zügig aus unserem Dunstkreis. „Sind Sie immer so?“, will der Schimpanse von mir wissen. „Das fragen ausgerechnet Sie mich? Halten Sie sich eigentlich öfter an Bushaltestellen auf und verwirren Ihre Mitmenschen?“

Er legt die Stirn in Runzeln. „Scheint bei Ihnen ja nicht zu klappen mit der Verwirrung. Und ja!“ Was, ja? Er verbringt seine Zeit an Bushaltestellen? Hat der arme Mann kein Zuhause? Ich mustere ihn verstohlen. Sieht nicht nach einem Obdachlosen aus. Ganz und gar nicht. „Um die Verwirrung zu auflösen …“ „Ich sagte doch, ich bin nicht verwirrt“, unterbreche ich ihn. Und nun soll er mal schön erklären, was er an dieser Bushaltestelle treibt. Auf die Begründung bin ich gespannt. Lässt sich bestimmt prima in meinen nächsten Roman einarbeiten. Ich rieche das kreative Futter schon von Weitem

„… Ich bin Regisseur. Sie glauben gar nicht, welche erhellenden Erkenntnisse und neue Erfahrungen es bringt, hier an der Bushaltestelle zu stehen, Menschen zu beobachten und mit einer leichten Verwirrung aus der Reserve zu locken.“ Ich will mir das gar nicht näher ausmalen. Dazu ist meine Fantasie zu ausgeprägt. Was er da wohl so treibt? Im Schimpansenkostüm hinter der Rückwand der Haltestelle lauern und im passenden Moment nach vorne hüpfen? Außerdem frage ich mich, was ein Regisseur hier in der bayrischen Provinz zu suchen hat. Da kann er so bekannt ja nicht sein. Sonst würde er in Berlin, München oder Hamburg sein Unwesen treiben. Aber doch nicht in Dinkelsbühl!

„Ich glaub Ihnen kein Wort.“ „Schade. Mit Ihnen hätte ich die Menschheit gern einmal zusammen verwirrt. Haben Sie Zeit? Wir könnten den Tag heute gemeinsam an der Bushaltestelle verbringen.“ Der ist lustig. Als Künstlerin ist Zeit bei mir relativ. Ich arbeite und lebe und lebe und arbeite. Ein Mix ohne starre Zeiten. Auch wenn ich nicht arbeite, arbeitet mein Hirn und schnappt alle möglichen interessanten Informationen auf, die sich im Nachhinein vorzüglich kreativ verwerten lassen. Ein Tag an der Bushaltestelle klingt insofern voll spannend.

„Warum nicht? Bin dabei! Nur eine Frage und ich will da wirklich nicht indiskret werden … aber … was machen Sie, wenn Sie mal pinkeln gehen müssen?“ Das ist ein wichtiges Thema und bevor ich zu- oder absage, will ich darüber informiert sein. In allen Einzelheiten. Mir fallen dabei sofort meine Serien, Krimis und Spielfilme ein, die ich ganz gern gucke.  Dort muss nie auch nur irgendwer je pinkeln. Nein, da sitzt ein frisch verliebtes Paar zuerst beim gemeinsamen Abendessen, fährt dann zu ihr, fällt bereits im Treppenhaus knutschend übereinander her, landet im Bett.

Alles ohne Pinkelpause! Dort wachen beide morgens eng umschlungen auf. Er ruft „Verdammt, ich hab verpennt!“, schlüpft schnell in seine Jeans. Ungeduscht, noch mit dem ganzen erotischen Sabber dran. Haucht ihr dann einen Kuss auf die Stirn und hechtet ins Auto. Wann war der gute Mann da mal aufm Klo? Wenn ich morgens aufwache, hat meine Blase ein deutliches Stimmungstief. Sie hat es eilig, und das zeigt sie mir deutlich. Und so ein Tag an der Bushaltestelle kann lang werden. Wenn ich den heute spontan mit einem fremden Mann verbringen soll, muss ich zumindest wissen, wie wir das mit dem Pinkeln lösen.

„Och, das ist kein Problem. Frau Maier von gegenüber ist da sehr entgegenkommend. Für den Fall der Fälle habe ich einen Schlüssel und darf ihr Örtchen benutzen.“ Wie bitte? Da hat sich der Schimpanse ja ein sensationelles Netzwerk um die Bushaltestelle gesponnen. Kaum zu fassen. „Und wer bringt Ihnen das Mittagessen?“ Eine völlig unnütze Frage, denn in diesem grandiosen Netzwerk findet sich bestimmt auch dafür eine Lösung. „Hatte ich das noch nicht erwähnt? Antonio vom Italiener zwei Straßen weiter versorgt mich bestens. Ein Anruf genügt und keine halbe Stunde später bekomme ich das Mahl – frisch zubereitet direkt an die Haltestelle geliefert. Wo wir nun den schönen Tag miteinander verbringen. Wollen wir uns duzen?“

Meine Güte, der hat vielleicht ein Tempo drauf. Ich hab noch nicht Ja gesagt. Er sieht es mir wahrscheinlich an der Nasenspitze an, dass bereits alles in mir „hurra“ ruft. Abenteuerlustig war ich ja schon immer. „Ich dachte schon, du fragst nie … also wegen des Dus“, lache ich. „Setz dich“, bietet der lustige Schimpanse mir an und zeigt auf die Bank im Bushaltestellen-Häuschen. Kuschelig ist anders, zumal der Mülleimer direkt neben uns überläuft. So was kann man sich bei einem Abenteuer halt nicht immer aussuchen.

Wir setzen uns und ich beobachte ihn genaustens. Das macht ihm gar nichts aus, er wirkt gelöst, entspannt und ganz bei sich. Beobachtet das Treiben auf der Straße, die Fußgänger, die Autos. In Dinkelsbühl recht überschaubar, für ihn aber scheinbar megaspannend. Er ähnelt mit seinem Verhalten einem kleinen Kind, das sich völlig in sein Spiel vertieft hat. An der Bushaltestelle Menschen charmant verwirren und ihre Reaktionen zu beobachten, ist für ihn ein Spiel. Fehlt nur noch, dass der nächste Wartende eintrudelt, dann geht die Show sicher los.

Da ich die Spielregeln noch nicht kenne, beobachte ich am besten alles erst mal. Learning bei Nachahmung. Mein Hirn ist von dem Vorhaben gar nicht erfreut. Sein liebstes Hobby ist das Abwägen, Analysieren, Bewerten. Um zu sehen, ob eine Sache für uns gefährlich werden könnte. Finde ich mordsanstrengend. Aber jedem das Seine. Soll es ruhig ein rumhirnen. Ich stürze mich derweil ins nächste Abenteuer – so wie heute. Mit einem lustigen Schimpansen an der 35er Bushaltestelle von Dinkelsbühl.

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